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Beschleunigte Balkanisierung

Durch die Kämpfe um Nadschaf und Kerbela fühlen sich Schiiten in aller Welt in der Wahrnehmung bestätigt, wonach ihnen ständig Unrecht geschieht. Den Ayatollahs in Iran ist das nur Recht.

von Abdel Mottaleb El Husseini

Wie schnell die blutige Konfrontation zwischen den US-Truppen und dem Schiitenführer Muktada as-Sadr zu einem grenzüberschreitenden Flächenbrand werden könnte, haben die weltweiten Reaktionen der Schiiten deutlich gemacht. Die Tatsache, dass ausgerechnet die heiligen Städte Nadschaf und Kerbela zum Kriegsschauplatz wurden, erinnerte die gläubigen Schiiten an das ihnen aus ihrer Sicht ständig zugefügte Unrecht.

Die Heiligkeit beider Orte basiert darauf, dass sie die Gräber des Imam Ali und seines Sohns Al-Hussein, beherbergen. Der erste verkörpert den Machtanspruch der Schiiten im Islam. Der zweite gilt als Symbol des Märtyrertums im Kampf gegen Unrecht und Tyrannei. Dass die US-Truppen gerade an dem Ort, wo die Aufstände der Schiiten gegen die Omayyaden im siebten Jahrhundert und jüngst gegen die Diktatur von Saddam Hussein stattfanden, die Konfrontation mit as-Sadr suchen, verleiht ihm eine Opferrolle. Diese zufällige oder gewollte Konstruktion war perfekt, um die Schiiten weltweit zu provozieren und ihre ohnehin schon vorhandene antiamerikanische Stimmung anzuheizen. Natürlich spielen dabei schiitische Organisationen und Gelehrte eine wichtige Rolle. Die Bilder von Tod und Zerstörung in Nadschaf und Kerbela und die Beschießung der Grabkuppel des Imam Ali waren aus schiitischer Sicht nicht mehr schweigend und tatenlos hinzunehmen.

Damit wurde ihre wochenlange Apathie hinsichtlich der dramatischen Geschehnisse in Irak beendet. In Beirut folgten am vorletzten Freitag 250 000 mit Leichentüchern bekleidete Menschen dem Aufruf des Generalsekretärs der Hisbollah, gegen die "Profanisierung der heiligen Stätten der Schiiten durch die amerikanischen Truppen" zu demonstrieren. Hassan Nasrallah richtete eine deutliche Botschaft an die Adresse der USA. "Wir tragen nicht die Leichentücher, um zu sterben, sondern, um durch das Märtyrertum ein würdiges Leben in einer Welt ohne Angst und Erniedrigung zu ermöglichen." Die Amerikaner sollen hören auf "das Geschrei und den Zorn derjenigen, die Israel besiegt haben". Die Masse rief "Labeika Ja Hussein!", was soviel heißt wie "Wir sind zum Märtyrertum bereit, o, Hussein".

In Pakistan, Iran, Bahrain und an anderen Orten gab es ganz ähnlich geartete Protestaktionen gegen die Amerikaner. Natürlich ist nicht zu erwarten, dass sich in Kürze Massen schiitischer Krieger gen Kerbela und Nadschaf aufmachen. Aber eines steht schon jetzt fest: Irak wird künftig einmal mehr im Mittelpunkt des Interesses der schiitischen Welt stehen.

Insbesondere profitieren die konservativen Mullahs in Iran von den Fehlern der US-Besatzung im südlichen Irak. Dabei geht es ihnen nicht um die Person oder die Bewegung von Muktada as-Sadr, sondern um die Festigung ihrer Führungsrolle unter den Schiiten sowohl in Iran als auch in Irak. Gleichzeitig nutzt die iranische Führung die Konfrontation zwischen as-Sadr und den US-Truppen, um dem politischen Druck der Amerikaner standzuhalten und die US-Regierung von einem militärischen Abenteuer in Iran abzuschrecken. Schließlich hatte US-Präsident Bush Iran auf seine "Achse des Bösen" platziert. Der iranische Religionsführer Ayatollah Khamenei warf den US-Truppen jüngst vor, die heiligen Schreine absichtlich angegriffen zu haben. Er erklärte den vorigen Freitag zum Trauertag um die schiitischen Heiligtümer in Irak.

Seine überaktive Rolle kommt dem irakischen schiitischen Klerus und vor allem dem Großayatollah Ali al Sistani sehr ungelegen. Sistani meldete sich während der Konfrontation zwischen as-Sadr und den Amerikanern vor seiner Haustür nicht zu Wort. Er bemüht sich zwar, zwischen den gegensätzlichen politischen Tendenzen im "schiitischen Haus" zu vermitteln und die Bewegung as-Sadrs zu zügeln. Doch steht er unter dem Druck aufgepeitschter schiitischer Massen. Dadurch wird das proamerikanische Lager unter den Schiiten, das sich aus der Dawa-Partei und dem Oberen Rat der islamischen Revolution rekrutiert, bei der Machtverteilung in Irak geschwächt und der Radikalisierungsprozess unter Iraks Schiiten gefördert. As-Sadr nutzt die Gunst der Stunde, um seine schiitischen Konkurrenten als reine Werkzeuge der Besatzer bloßzustellen. In seiner Predigt in Kufa hat as-Sadr erstmals selbst Ali al Sistani offen angegriffen: "Während der Feind in die Stadt eindringt und sie beschießt, schweigst Du. Die Grabkuppel vom Fürsten der Gläubigen wird angegriffen und Du schweigst. Sie treten nicht nur mit ihren Füßen die Köpfe Deines Volkes, sondern sie tun auch Schlimmeres und Du bleibst beim Schweigen. Wann wirst Du reden?"

As-Sadr hat damit laut gesagt, was die Masse der Schiiten in Irak und in der Welt denkt. Der politisch und militärisch unnötige Waffengang der Amerikaner direkt an den heiligen Gräbern der schiitischen Imame hat den Balkanisierungsprozess in Irak vorangetrieben. Der sehr kurzen Verlobung zwischen den Schiiten und der US-Besatzung ist die endgültige Scheidung gefolgt.

(c) Abdel Mottaleb El Husseini, veröffentlicht in der Frankfurter Rundschau vom 02.06.2004