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Neue unheilige Allianzen

Der Irak-Krieg und die Rolle der Religion

Von Dr. Abdel Mottaleb El Husseini

Erst heulen Sirenen, dann ertönen Gebete aus den Moscheen, dann explodieren die Bomben und Raketen der US-Amerikaner und Briten in Bagdad. Dieses tödliche Szenario wiederholt sich mehrmals täglich seit Beginn der Operation "Freiheit für Irak". Der Irak-Krieg stärkt zunehmend die Rolle des Islam. Der Islam gibt zum einen der breiten Masse in den arabischen Ländern Halt, Trost und Mut in der jetzigen schwierigen Situation. Die Religion wird zum anderen mit Nachdruck von allen regierenden und oppositionellen politischen Lagern instrumentalisiert.

Der Krieg trägt spürbar zur Stärkung der islamischen Identität und Religiosität bei. Diese Entwicklung erreicht auch weltliche Schichten in den arabischen Gesellschaften. Die Moscheen werden voller, die religiösen Veranstaltungen verzeichnen einen großen Andrang neuer Besucher. Die Gotteshäuser sind inzwischen, besonders in Ägypten und Jordanien, die einzigen Orte, an denen die Gläubigen ihre Meinung frei artikulieren können. Sie waren bisher vor allem nach den Freitagsgebeten der Ausgangspunkt der Antikriegsdemonstrationen.

Der US-Gewaltakt gegen Irak wird als ungerecht und brutal wahrgenommen und als Aggression gegen die ganze islamische Weltgemeinschaft ("Umma") betrachtet. Die Bilder der zivilen Opfer in Irak und die Zerstörung des Landes hinterlassen bei den Arabern und Muslimen schmerzliche, erniedrigende und traumatische Spuren.

Die Unfähigkeit der korrupten proamerikanischen arabischen Regime, dem irakischen Volk beizustehen, vertieft die Kluft zwischen den Herrschern und ihren Völkern. Das Fehlen demokratischer Strukturen schafft den geeigneten Raum für irrationale und vereinfachende religiöse Erklärungen der Hintergründe des Irak-Kriegs. Dabei werden die alten Konflikte zwischen dem christlichen Abendland und dem islamischen Morgenland in Erinnerung gerufen. Überall mahnen die Prediger die Menschen zur Rückkehr zum wahren Glauben, zur Einheit und zum Kampf gegen die "ungläubigen Invasoren". Eine ähnliche Entwicklung ist auch unter den arabischen Christen in Libanon und Palästina zu beobachten, wo viele Geistliche an die Theologie der Befreiung anknüpfen.

Die Irak-Mission des US-Präsidenten George W. Bush ist für die Radikalen in der islamischen Welt gewissermaßen ein Geschenk des Himmels. Sie wird inzwischen weltweit von der Mehrheit der Muslime als moderner Kreuzzug wahrgenommen. Sie werfen Bush vor, unter dem Deckmantel der Entwaffnung Saddam Husseins die Vormachtstellung Israels sichern und die Kontrolle über das Öl gewinnen zu wollen. Sowohl in den weltlichen als auch in den religiösen Bewegungen sieht man im Krieg eine "Verschwörung zionistischer und christlich-fundamentalistischer Kräfte gegen die arabische und islamische Welt".

Selbst namhafte gemäßigte islamische Zentren und Persönlichkeiten, wie die Al-Azhar-Moschee in Kairo, der Großmufti von Damaskus, die höchste schiitische Instanz in Nadjaf in Irak, riefen zum Dschihad (zum heiligen Krieg) gegen die US-Amerikaner auf. Tausende zum Märtyrertod bereite Freiwillige aus arabischen Ländern befinden sich schon auf dem irakischen Schlachtfeld. Gegensätze zwischen den weltlichen und islamischen Bewegungen und Parteien sind seit dem Beginn des Irak-Kriegs kaum mehr zu bemerken. Auch das irakische Regime, das bisher als national-laizistisch galt und die schiitische Opposition blutig unterdrückte, setzt auf die religiösen Gefühle. Die US-Regierung hat überdies auf einen schiitischen Aufstand in Südirak hingearbeitet und die Geistlichen in Irak sehr umworben - allerdings ohne jeden Erfolg. Der dritte Golf-Krieg, der irgendwann den Sturz der irakischen Diktatur bewirken wird, könnte den Weg bahnen für die Entstehung eines Widerstands gegen die US-amerikanische Besatzung in Irak, bei der Islam und panarabischer Nationalismus Hand in Hand gehen.

Saddam Husseins Nachfolger wird wahrscheinlich selbst bei freien Wahlen kein Demokrat US-amerikanischer Couleur sein. Es ist ganz im Gegenteil zu befürchten, dass die US-Invasion einen politischen Prozess ausgelöst hat, an dessen Ende die politische Macht auch in den pro-amerikanischen Staaten der Golfregion in die Hände der islamischen Opposition überzugehen droht.

Die politische Landkarte der Region könnte entgegen den Erwartungen der Bush-Administration islamisch werden. An ihrem Rande ist für längere Zeit der Boden für Extremisten und selbst ernannte heilige Krieger, wie Osama bin Laden, bestens bestellt. Der zweite Golf-Krieg von 1991 hat bekanntlich zum Bruch des Bündnisses zwischen Al Qaeda und den USA geführt. Osama bin Laden stachelte damals den Widerstand gegen die Präsenz der US-Truppen in Saudi-Arabien auf, wo sich die heiligsten Stätten des Islams in Mekka und Medina befinden. Im dritten Golf-Krieg stehen die GIs nun vor den Toren der Heiligtümer der Schiiten in den irakischen Städten Nadjaf, Kerbela und Bagdad, wo über Jahrhunderte der Sitz des islamischen Kalifats war. Dies verletzt die religiösen Gefühle der Sunniten und insbesondere der Schiiten in der ganzen Welt und vor allem in Iran.

Die Befreiung dieser Orte wird aus der Sicht der Religiösen zur "Pflicht jedes frommen Gläubigen" und dient zur weiteren Politisierung der islamischen Religion. Sie wird eingespannt und instrumentalisiert werden für den Kampf gegen die USA. Der Krieg der anglo-amerikanischen Koalition in Irak trägt so dazu bei, dass der Krieg der Zivilisationen und der Religionen vorstellbar wird.

(c) Dr. Abdel Mottaleb El Husseini