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Analyse

Für die amerikanische Besatzung im Irak schlägt die Stunde der Wahrheit

von Abdel Mottaleb El Husseini

Es liegt in der Logik der Besatzung, dass sie sich selbst ihr eigenes Grab schaufelt. So hat es die Geschichte des Kolonialismus bisher gelehrt. Die Behauptung der US-Administration, die GIs seien nur als Befreier des irakischen Volkes von einer brutalen Diktatur gekommen, ändert nichts daran. Denn die Grenzen zwischen Befreiern und Besatzern sind sehr dünn, besonders wenn die ersteren ihren Aufenthalt auf unbestimmte Zeit verlängern. Deshalb ist es keine Überraschung, wenn der Widerstand der Iraker gegen die amerikanischen Truppen ständig zunimmt.

Mit ihrem klaren und schnellen Sieg über Saddam Hussein haben sich die USA ein weiteres Mal als militärischer Riese gezeigt. Nun verhalten sie sich jedoch als Ordnungsmacht wie ein politisch unbeholfener Zwerg. Für die Besatzung eines fremden Landes besitzen die Amerikaner weder die geschichtliche Erfahrung noch eine politische Konzeption. Das Ergebnis dieses Zustandes ist bisher sowohl für das irakische Volk als auch die Amerikaner frustrierend. Die Freude der Iraker über das Ende Diktatur war von sehr kurzer Dauer. Dafür ist das Zusammenspiel folgende Faktoren verantwortlich:

Erstens haben die US-Truppen das irakische Regime gestürzt, ohne das resultierende politische Vakuum zumindest für ein Übergangsziel zu füllen. Normalerweise sollte dies durch befreundete irakische politische Kräfte geschehen. Es kam unverständlicherweise nicht dazu. Die schwache irakische Opposition wurde von der Besatzungsmacht faktisch aufs Abstellgleis geschickt. Dies hat das Misstrauen der Iraker gegenüber den wahren Absichten der Amerikaner verstärkt. Alle Versprechungen der US-Regierung, angefangen von der Durchführung demokratischer Wahlen und der Ausarbeitung einer neuen Verfassung, sind jetzt auf einmal vom Tisch. Selbst die politischen und religiösen Vertreter der schiitischen Mehrheit, die sich gegen die antiamerikanischen militärischen Anschläge gestellt haben, äußern deutlich ihre Unzufriedenheit mit der amerikanischen Verwaltung und verlangen freie Wahlen.

Zweitens ist es zu einem Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung gekommen. Unter Duldung der amerikanischen Truppen haben Kriminelle und Plünderer staatliche und kulturelle Institutionen beraubt und regelrecht zerstört. Was die Versorgung mit Strom, Wasser und Dienstleistungen angeht, hat sich die Situation der Bevölkerung nach der amerikanischen Besatzung verschlechtert. Auf einmal fühlen sich die Menschen ohne Perspektive und total unsicher. Die ohnehin vorhandenen sozialen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten haben sich vergrößert. Für diese elende Lage machen die Iraker die Amerikaner verantwortlich und reagieren mit friedlichen Protesten, aber auch mit Gewalt. Die Behauptung der Amerikaner, dass der Widerstand allein von Anhängern des Baath-Regimes ausgeht, ist nicht belegt. Viele Beobachter vermuten dahinter eher spontane Aktionen von Irakern, die dadurch ihren Unmut gegenüber die amerikanische Besatzung artikulieren. Die letzten Behauptungen Saddam Husseins, dass er den Widerstand aus dem Untergrund heraus organisiere, verdienen keinen Kommentar.

Drittens kommen die amerikanischen Besatzer nicht mit der irakischen Kultur zu Rechte. Ihre überhebliche Umgangsform kommt bei der Bevölkerung sehr schlecht an. Leibesvisitationen von Frauen durch GIs haben beispielsweise zu einer Welle der Empörung unter den Irakern und zu blutigen Auseinandersetzungen geführt. Diese und ähnliche nichtpolitische Faktoren werden auch von den Gegnern der Besatzung politisch ausgenutzt.

Viertens begreifen die Iraker allmählich, dass der von den USA und England erklärte Kriegsgrund einfach eine Lüge war. Von den angeblichen irakischen Massenvernichtungsmittel fand man drei Monate nach dem Sturz des Regimes Hussein keine Spur. Damit wird den Menschen klar, dass die wahren Ziele der Amerikaner in der Kontrolle der Reichtümer des Iraks liegen.

Schließlich kommen die Iraker zur bitteren Erkenntnis, dass ihr Land mit einem Mal in die Kolonialzeiten zurückgekehrt ist. Die Mehrheit der Iraker wünscht sich bis jetzt ein Ende der Besatzung mit friedlichen Mitteln. Ob es dabei bleibt, hängt von der amerikanischen Politik ab. Die bisherigen Zeichen aus Washington sind leider nicht ermutigend.

(c) Dr. Abdel Mottaleb El Husseini