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Untätigkeit gegenüber Extremismus

In der arabischen Welt beginnt erst das Nachdenken über religiös motivierte Gewalt

Arabische Intellektuelle, wie der Autor Abdel Husseini, suchen einen Ausweg aus der Konfrontation zwischen islamischen Fundamentalisten und westlichen Kriegern. In der Debattenserie über religiöse Toleranz erscheint am nächsten Montag ein Beitrag des Limburger Bischofs Franz Kamphaus.

von Abdel Mottaleb El Husseini

Wäre der Schauplatz der Terroranschläge vom 11. März nicht Madrid, sondern irgendeine arabische oder islamische Metropole gewesen, dann könnten die Herrscher zwischen Atlantik und Persischem Golf leichter damit umgehen. Dann hätte man mit Sicherheit die Solidarität der USA im Kampf gegen den Terrorismus erhalten, wie es nach den Anschlägen in Tunesien, Saudi- Arabien und Marokko der Fall war. Doch die tödlichen Bomben explodierten mitten in Europa, in der spanischen Hauptstadt, deren Regierung einer der treuesten Verbündeten der USA im Irak-Krieg war, also ein zweiter 11. September. Diese Tatsache vergrößert den ohnehin vorhandenen Druck der USA auf die arabischen Regierungen, die Sümpfe des Extremismus auszutrocknen. Denn die Bush-Administration lehnt jede Verbindung zwischen ihren Kriegen in Afghanistan und Irak und dem Erstarken des islamistischen Terrors ab.

In Tunis gescheitert

So richten die Fundamentalisten nach der Vorstellung der Neokonservativen im Weißen Haus ihren Hass nicht gegen die US-Politik, sondern gegen die westliche Lebensart und Kultur. Diese Erklärung ist zwar ein erfolgreiches ideologisches Mittel zur Rechtfertigung der Kriege gegen Afghanistan und Irak, in der politischen Praxis brachte sie jedoch bisher katastrophale Folgen mit sich. Sie bietet nur militärische Gewalt als einziges Mittel zur Lösung politischer Konflikte und macht faktisch die ganze Welt zum Schauplatz der Konfrontation zwischen heiligen Kriegern und Antiterrorkämpfern. Die radikalen Islamisten, die zum größten Teil bis in die 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts ein Bündnis mit den USA gegen den Kommunismus geschlossen hatten, trachten nicht danach, die Lebensart des Abendlandes zu bestimmen, sondern prowestliche Regime zu stürzen und die politische Macht zu erobern. Daher kommt ihr Konflikt mit den USA, die die arabische Welt nach ihren eigenen politischen und auch wirtschaftlichen Interessen neu formieren und neuerdings reformieren wollen. Und dies fürchten die arabischen Regime wie der Teufel das Weihwasser. Die Terroranschläge von Madrid haben dazu beigetragen, dass nun auch die Europäer auch Reformen im Nahen Osten einfordern.

Die arabischen Regime sind in Tunis daran gescheitert, sich über den Umfang der Reformen zu einigen. Sie wollen und können auf keinen Fall "von außen" diktierte Reformen akzeptieren. Wann und wie die notwendigen politischen Veränderungen stattfinden sollen, darauf gibt es keine Antwort. Dies hat nichts anderes zur Folge als die bestehenden antidemokratischen Machtstrukturen zu verewigen und de facto den Boden für Gewalt, Terror und Extremismus fruchtbar zu machen. Inzwischen drängen die Vertreter arabischer Eliten auf Reformen und betrachten den Terror als Folge des Fehlens politischer Rechte und demokratischer Kultur in der arabischen Welt.

Populistische Erklärungen

Die Reaktionen der arabischen Oppositionellen auf die Terrorakte von Madrid gehen von einer einfachen Schuldzuweisung an die Politik der USA und Israels bis zu einer Forderung nach aktiver und konsequenter Auseinandersetzung mit der islamistischen Gewalt. "Die USA sind weltweit verhasst, weil sie den israelischen Terror und die korrupten und unterdrückenden Diktaturen in der islamischen und der arabischen Welt unterstützen. Jede Analyse, die diese beiden Wahrheiten nicht berücksichtigt, ist sinnlos und im Interesse des Extremismus." Das ist die Schlussfolgerung des Chefredakteurs der Tageszeitung Alkuds Al Arabi aus den Terroranschlägen von Madrid. Als Ursache der Anschläge sieht er die Teilnahme Spaniens an dem Krieg gegen Irak. Dieser einfache und zum Teil populistische Erklärungsversuch ist typisch für breite Teile der arabischen Öffentlichkeit und wiederholt sich automatisch und zeremoniell bei jeder Gewalttat der Islamisten. Eine solche Sichtweise findet sich in fast allen politischen Lagern. Sie lässt die innere Komponente der religiös motivierten Gewalt außer Acht und blockiert faktisch die Suche nach Alternativen zur islamistischen Pest und zu ihrer amerikanischen Schocktherapie.

Die vereinfachte und bequeme monokausale Erklärung des Terrors wird von vielen arabischen Intellektuellen als undifferenziert kritisiert. So wirft Dalal Albisri in der Tageszeitung Al Hayat vom 28. März dieser Denkweise eine Mischung aus Erklärung, Verständnis und sogar Rechtfertigung des Terrors vor. Und dies führe schließlich zur Unterstützung der amerikanischen Antwort darauf. Sie verlange von der arabischen Welt die Bekämpfung des Terrorismus, "statt dies Amerika und Israel zu überlassen".

Die arabischen Intellektuellen sind sich trotz ihrer politischen Spaltung in der Frage der Notwendigkeit politischer Reformen als Mittel zur Bekämpfung des Extremismus einig. So haben 170 Intellektuelle im März bei einer Tagung in der ägyptischen Hafenstadt Alexandria neben der Demokratisierung des politischen Lebens eine Austrocknung der Quellen des religiösen Fanatismus und Extremismus verlangt. Die Reformen sollten von innen heraus kommen. Sie dürften aber auf keinen Fall dazu beitragen, den Aufstieg der Fundamentalisten zu erleichtern. Die Terroranschläge von Madrid blieben jedoch in der Erklärung unerwähnt.

Irreführende Vereinfachung

In der arabischen Welt beginnt ein Prozess des Nachdenkens über die religiös motivierte Gewalt. Seine Erfolgschancen bleiben jedoch in absehbarer Zeit sehr begrenzt. Eine Zivilgesellschaft kann nicht von heute auf morgen herbeigezaubert werden. Natürlich gab es Reaktionen der arabischen Öffentlichkeit, die den Terror in Madrid verurteilten und sich mit seinen Opfern solidarisierten. Inzwischen haben auch Araber und Muslime ihre bitteren Erfahrungen mit dem Terror aus dem Umfeld von Al Qaeda in Marokko, Tunesien, Saudi Arabien etc. gemacht. Dies hat dazu beigetragen, das offene und latente Verständnis für die Gewalt gegen Zivilisten bei den arabischen Menschen zurückzudrängen. Doch die Konflikte zwischen der arabischen Welt und den USA produzieren tagtäglich Gewalt und lassen sehr wenig Raum zur Nüchternheit. Die amerikanische Besatzung Iraks hat die Gewalt nicht durch eine demokratische Kultur ersetzt. Ganz im Gegenteil hat das Morden Ausmaße erreicht, die an die schlimmsten Zeiten des alten Regimes erinnern. Die US-Invasion in Irak hat das Land letztendlich unberechenbarer gemacht. Mehr als 20 000 Iraker, die gewiss nicht mit bin Laden zu tun hatten, mussten in einem mit Lügen begründeten Krieg sterben. Dass dies der perfekte Nährboden für Hass und Terror ist, ist mehr als wahrscheinlich. Zudem bleibt die blutige Konfrontation zwischen Israelis und Palästinensern die wichtigste Quelle für Gewalt auf beiden Seiten. Dieser jahrzehntelange Konflikt speist den nationalen und religiösen Fanatismus und wirkt wie eine Gewaltlawine, die mit jedem Akt noch größer und bedrohlicher wird. Die Ermordung des geistigen Führers der Hamas-Bewegung ließ keine Verschnaufpause, um über die Opfer von Madrid nachzudenken. Diese Situation schafft die Bedingungen von Gewalt und erschwert die Suche nach politischen Alternativen.

Die Vorstellung, dass der islamistische Terror allein von Al Qaeda und ihrem Führer bin Laden gesteuert wird, ist eine gefährliche und irreführende Vereinfachung. Al Qaeda ist zum Sammelbegriff für eine Vielfalt von Gruppierungen geworden, die ihren Terror mit der Verteidigung des Islams gegenüber "Kreuzrittern", "Juden" und abtrünnigen islamischen Regierungen begründen. Ihre Kraft kommt aus den politischen, wirtschaftlichen und moralischen Krisen der arabischen und islamischen Gesellschaften. Wie hoffnungslos die Situation besonders der Jugend ist, aus deren Reihen die Selbstmordattentäter rekrutiert werden, zeigt eine vor kurzem in Gaza veröffentlichte Studie. 25 Prozent der Jugendlichen im Alter zwischen neun und 17 Jahren wollen als "Märtyrer" sterben. Nicht das versprochene Paradies drängt diese Jugend zum Tod, wie die Islamisten und manche ihre Widersacher behaupten, sondern die alltägliche Gewalt und Gegengewalt.

Natürlich sind die Verbrecher von Madrid nicht um die Menschen in Irak und Palästina bemüht. Aber sie können ihr Leid im Dienste ihres wahnsinnigen Terrors instrumentalisieren und islamische Jugendliche in den westlichen Ländern manipulieren. Um dies zu verhindern, ist neben den Sicherheitsmaßnahmen eine aktive europäische Rolle bei der Lösung des Irak-Konfliktes und des Palästinaproblems notwendig. Dies wäre der erste Schritt im Kampf gegen den islamistischen Terror.

Dr. phil. Abdel Mottaleb El Husseini, Jahrgang 1949, ist freier Autor und Journalist und beschäftigt sich vornehmlich mit der arabischen Welt und dem Islam. Nach Lehrtätigkeiten im Libanon und in Algerien zog der gebürtige Libanese 1984 nach Deutschland und lebt jetzt in der Eifel.

(c) Dr. Abdel Mottaleb El Husseini, veröffentlicht in der Frankfurter Rundschau vom 13.4.2004