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Macht der Gelehrten

Der neue saudische König Abdullah hat wenig Spielraum, sein Land gegen den Willen der religiösen Hierarchie zu öffen

von Abdel Mottaleb El Husseini

Scheich Ali Al-Utaibi aus dem Dorf Albeida nördlich der saudischen Stadt Attaif ist 114 Jahre alt und immer noch pflichtbewusst. Laut der saudischen Zeitung Al Hayat huldigte er bisher nicht ohne Stolz allen sechs saudischen Monarchen - den neuen König Abdullah eingeschlossen. Auf die Frage, ob sich seit der Gründung des Reiches im Jahre 1932 durch König Abdel Azis Ibn Saud hierbei etwas verändert habe, antwortete der Greis mit einen kurzen Nein. Denn mit diesem traditionellen Akt der Huldigung (Al Bia) versichern bis heute die saudischen Untertanen ihrem neuen Monarchen ihre Treue und ihren Gehorsam.

Für die Legitimation des neuen Königs spielen aber vordergründig die Ulama, die Versammlung der Gelehrten, eine entscheidende Rolle. Sie sind das Bindeglied zwischen der weltlichen und der religiösen Herrschaft. Denn das Königreich stützt sich von Anfang an auf eine Machtverteilung zwischen der religiösen wahabitischen Institution und dem Königshaus. Die einen monopolisieren die Politik, die anderen die Religion. Diese Regelung wurde 1744 zwischen dem islamischen Fundamentalisten und Gelehrten Scheich Mohammad Ibn Abdul Wahab und dem Gründer der saudischen Dynastie Mohammad Ibn Saud getroffen.

Die bisherigen Könige waren folglich gezwungen, die Zustimmung der Gelehrten für die Modernisierung des Landes und für die Einführung von Auto, Fernsehen oder für die Eröffnung von Mädchenschulen mit viel Geld und mit einer außerordentlichen Tätigkeit beim Bau von Moscheen und religiösen Institutionen zu erkaufen. Die anscheinend ewige politische Ehe zwischen dem saudischem Könighaus und der religiösen Institution hat zwar trotz Reibereien dazu beigetragen, die politischen Machtstrukturen zu festigen. Sie bekam jedoch in den letzten Jahren die ersten Risse.

Schuld daran ist zum einen die Diskrepanz zwischen der sprunghaften materiellen und der fast unbeweglichen religiös-politischen Entwicklung des Lebens im reichsten Ölland der Erde. Zum anderen hat der Zusammenbruch des Kommunismus und die Ausdehnung der militärischen Präsenz der USA in der Golfregion seit der Befreiung Kuwaits und besonders infolge der Besatzung Iraks zu politischen Erschütterungen in Saudi-Arabien geführt. Auch die religiöse Institution forderte mehr Mitsprache.

Einige ihrer extremistischen Tendenzen stellen inzwischen nicht nur die Legitimität der saudischen Monarchie in Frage, sondern sie erklären diese für ungläubig und rufen offen zu ihrer gewaltsamen Bekämpfung auf. Für das Erstarken der religiösen Institution ist an erster Stelle die strukturelle politische Schwäche der saudischen Monarchie verantwortlich. Sie wurde durch die Besatzung Kuwaits durch Saddam Hussein Anfang August 1990 entzaubert und ist seitdem vom Schutz der USA abhängig.

König Fahd, der Hüter der heiligen Stätten Mekka und Medina, musste seine von mittelalterlicher Ideologie behaftete religiöse Institution überzeugen, dass die Wiege des Islams von Ungläubigen beschützt werden muss, obwohl das Königreich Milliarden in seine Verteidigung investiert hat.

Im Zuge der Auseinandersetzung um die militärische Präsenz der USA auf saudischem Boden, des letzten Irakkrieges und angesichts der Forderungen nach politischen Reformen fand ein ideologischer Differenzierungsprozess innerhalb der religiösen Institution statt. Man kann zwei Grundtendenzen feststellen, die sich hauptsächlich in ihrem Verhältnis zur saudischen Monarchie unterscheiden: Die Tendenz der Dschihadisten oder Anhänger des Terrornetzes al Qaeda, die die saudische Monarchie für ungläubig erklärt und zum Krieg gegen sie aufruft. Ihre Hauptvertreter sind Osama bin Laden, Nasser Al Fahd und andere. Die Trennung dieser Richtung von den etablierten religiösen Strukturen vollzog sich allmählich und ist seit der Ausdehnung ihres Terrors auf Saudi-Arabien endgültig.

Die zweite Grundtendenz rekrutiert sich aus den traditionellen Gelehrten, die für die Fortsetzung der Allianz zwischen der religiösen Institution und der Monarchie sind. Sie ist mächtig und kontrolliert die Moscheen und Bildungsinstitute. An der Spitze steht der obere Mufti des Königreichs, Scheich Abdel Aziz Al Scheich. Er tritt für den Gehorsam gegenüber Allah, dem Propheten und den Herrschern ein, solange diese nicht vom Islam abweichen. Diese Richtung hütet die strenge Einhaltung der religiösen Vorschriften. Sie steht den zaghaften Reformversuchen König Abdullahs und vor allem den Vertretern der Zivilgesellschaft extrem feindlich gegenüber.

Das spürten im vorigen Jahr demokratische Persönlichkeiten und Frauen, die am nationalen Dialog teilnahmen. Die Vertreter der Gelehrten diktierten eine Trennung zwischen Frauen und Männern während der Gespräche und erteilten jeder Forderung nach Demokratie eine klare Absage.

König Abdullah befindet sich in einem Dilemma. Sein großes Herz schlägt für kleine Reformen, die die sozialen und politischen Spannung mildern. Sein Verstand rät ihn eindringlich, auf keinem Fall die Konservativen zu reizen, damit die Extremisten nicht davon profitieren. Insgesamt also keine guten Aussichten für alle, die von wirklichen Reformen träumen.

(c) Abdel Mottaleb El Husseini, veröffentlicht in der Frankfurter Rundschau vom 17.08.2005