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Muktada as-Sadr fordert seine Geburtshelfer heraus

Der jetzt getötete Isseddin Salim hat versucht, im innerschiitischen Konflikt zu schlichten. Radikale Kräfte warfen ihm vor, mit den USA zu kollaborieren.

von Dr. Abdel Mottaleb El Husseini

Es gehört zu den Ritualen jeder Besatzungsmacht, ihre Gegner als Psychopathen, Radikale oder Gesetzesbrecher hinzustellen. Und wenn diese Feinde noch nicht das Licht erblickt haben, dann leistet ihnen die fehlerhafte Politik fremder Herrscher Geburtshilfe. Die US-Amerikaner weichen in ihrem Duell mit dem irakischen Schiitenführer Muktada as-Sadr nicht von diesem Schema ab. Er steht auf der Abschussliste der GIs: Zu seiner Gefangennahme oder Tötung scheint es nach wiederholten Schwüren der US-Generäle keine Alternative zu geben.

Andeutungen von US-Außenminister Colin Powell, man werde auch einen islamischen Gottesstaat als Ergebnis freier Wahlen in Irak akzeptieren, dürfen nicht als Friedensangebot an as-Sadr missdeutet werden. Folglich tobt der blutige Kampf nicht nur in den für die Schiiten heiligen Städten Nadschaf und Kerbela, sondern hat inzwischen den gesamten Süden erfasst.

In den meisten westlichen Medien findet die Frage, was hinter dieser Eskalation steckt und daraus folgt, keine große Beachtung. Die Geschichte vom guten Sheriff, der einen Schurken vor den Kadi bringen will, bleibt die meistverbreitete Version.

Doch Muktada as-Sadr ist nicht vom Himmel gefallen. Ihn nur als radikalen Feind der USA zu betrachten, wäre einäugig. Denn der junge schiitische Führer ist an erster Stelle ein Produkt der irakischen Diktatur. Er stammt aus einer Familie, die den Widerstand gegen Saddam Hussein angeführt hat. An ihrer Spitze standen die beiden Gelehrten und Cousins Mohammad Bakir und Mohammad Sadek, der Onkel und der Vater Muktada as-Sadrs. Ersterer gründete die schiitische Dawa-Partei, die der jetzt getötete Präsident des Interimsregierungsrats Issedin Salim in Basra vertreten hat. Der Zweite rief eine Reformbewegung ins Leben, die eine aktive Rolle des schiitischen Klerus auf sozialer Ebene verlangt. Moktada as-Sadr trat das Erbe seines Vaters an, der immer noch als Vorbild in den schiitischen Elendsvierteln und vor allem unter der Jugend gilt.

Der mehrheitlich konservative schiitische Klerus kümmert sich nur um prinzipielle Fragen der Politik, nicht aber um Details. Er steht as-Sadr daher skeptisch gegenüber. Der Gegensatz zwischen beiden Tendenzen hat zwar schon vor der Besatzung existiert, er ist jedoch nach Saddams Sturz offen zu Tage getreten. Der etwa 30-jährige Theologiestudent as-Sadr steht an der Spitze einer politischen Bewegung, die zwar die Autorität der religiösen Institution Al Hawza formell anerkennt, aber ihren Weg geht. As-Sadr nannte seine Zeitung Al Hawza Al Natika, das heißt die "sprechende Institution". Damit grenzt er sich von der höchsten schiitischen Autorität, Ayatollah Al Sistani, ab. So bringt die Bewegung as-Sadrs einen Richtungskampf im irakischen Schiitentum zum Ausdruck. Das Verhältnis zur US-Besatzung hat den Gegensatz verstärkt.

As-Sadr lehnte die Besatzer und ihre Helfer von Anfang an ab. Die Tatsache, dass die schiitische Exilopposition, der Obere Rat der islamischen Revolution in Irak und die Dawa-Partei mit Hilfe der US-geführten Truppen heimkehrten und nun an dem von den Amerikanern eingesetzten Regierungsrat teilnehmen, machte as-Sadr zum Hoffnungsträger der unterprivilegierten schiitischen Massen. Ihr Aufstand 1991 gegen das verhasste Saddam-Regime scheiterte an der Untätigkeit der US-Truppen.

Die Besatzung hat dazu beigetragen, die schiitischen Parteien zu polarisieren. As-Sadr wollte und konnte nicht in den politischen Prozess integriert werden. Die religiöse schiitische Führung unterstützte seine Konkurrenten, vor allem den Schiitischen Oberen Rat von Ayatollah al-Hakim. Auch die Bush-Regierung nahm keine Notiz von ihm und behandelte Al Sistani, als ob er alle schiitischen Karten besitze. Die US-Militärs quittierten as-Sadrs Gründung der zunächst unbewaffneten Almahdi-Armee anfangs mit einem Lächeln. Die plötzliche Schließung der Zeitung as-Sadrs und der unverhältnismäßige Einsatz militärischer Gewalt gegen seine protestierenden Anhänger sowie die Drohung, ihn zu verhaften oder zu töten, sind schwer verständlich. Diese Aktionen lassen vermuten, dass die US-Truppen die Konfrontation mit as-Sadr suchten. Der schiitische Ayatollah Mohammad Hussein Fadlallah machte US-Gouverneur Paul Bremer "mit seiner provokativen Politik für die Wende as-Sadrs von den friedlichen Mitteln beim Umgang mit der Besatzungsmacht zur Gewalt" verantwortlich.

Die Amerikaner haben as-Sadr zu einer zentralen Widerstandsfigur gemacht. Es gelingt ihnen nicht, seinen Aufstand zu beenden. Die schiitischen Verbündeten der USA waren angesichts der Härte der Amerikaner gezwungen, zwischen den kämpfenden Parteien zu vermitteln. Ihre Versuche, den ungeliebten Konkurrenten zu schwächen, fanden aber wegen der Unnachgiebigkeit Washingtons keine Akzeptanz in der Bevölkerung. Ayatollah Al Sistani stimmte dem jüngsten innerschiitischen Kompromiss zur Entwaffnung der Almahdi-Armee und Beendigung der Gewalt zu; Paul Bremer aber lehnte ab. Mit Isseddin Salim starb einer, der sich um Ausgleich bemühte.

Der schiitische Klerus kann nicht ewig schweigen. Er muss eine richtungsweisende Fatwa erlassen, die wohl kaum im Sinne der US-Besatzer sein wird.

(c) Dr. Abdel Mottaleb El Husseini, veröffentlicht in der Frankfurter Rundschau vom 18.05.2004