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Eigenwillige Allianz

In Irak sehen sich die US-amerikanischen Besatzer mit einem Bündnis alter Baathisten und heiliger Krieger konfrontiert

von Abdel Mottaleb El Husseini

Seit langem schon kein Tag mehr ohne Selbstmordanschlag. Am Sonntag auf eine Polizeiwache in einem östlichen Stadtteil Bagdads, mindestens 40 Tote, am Montag im Zentrum der irakischen Hauptstadt, mindestens 15 Tote. Die katastrophale Sicherheitslage übertrifft selbst pessimistische Prognosen der Gegner des alliierten Waffengangs, der auf den Sturz des früheren Diktators Saddam Hussein zielte. Bilder verstümmelter Opfer gehören mittlerweile zum Alltag. Gleichzeitig wiederholen die Vertreter der US-Besatzungsmacht schier unermüdlich, dass die Terrorakte das Werk des berüchtigten Netzwerkes al Qaeda unter der Führung ihres irakischen Statthalters Abu Mussab al Sarkawi seien.

Diese eindeutig scheinende Erklärung wird der komplizierten Realität überhaupt nicht gerecht. Angesichts der Gewalt gegen Invasoren wie gegen Zivilisten kann allerdings von einem nationalen irakischen Widerstand gegen die fremde Herrschaft wohl auch keine Rede sein. Die barbarischen und zerstörerischen Angriffe finden inzwischen nur noch unter den Islamisten und den Anhängern des gestürzten Baath-Regimes eine positive Resonanz. Die irakische und arabische Öffentlichkeit, die am Anfang den Anschlägen gegen die multinationalen Truppen applaudiert hatte, überschaut kaum mehr, gegen wen die Gewalttäter überhaupt kämpfen und was sie darüber hinaus womöglich auch politisch bezwecken wollen. Hinter den Selbstmordanschlägen steht nicht allein der jordanische Terrorist al Sarkawi. Ein vor zwei Jahren nahezu unbekannter Gewalttäter kann wohl kaum von heute auf morgen einen gut organisierten Krieg gegen die Weltmacht USA führen und sich blitzartig die dafür notwendige Unterstützung breiter Teile der Iraker sichern. Diese Einsicht vermindert nicht seine Schuld an dem Tod von Tausenden. Man muss jedoch versuchen, die Rolle al Sarkawis in den politischen wie historischen Kontext des Landes einzuordnen und dann seinen Erfolg in der Gegenwart zu enträtseln.

Die Planer und Befürworter des Irak-Kriegs in der Bush-Regierung haben nicht damit gerechnet, dass sich der Terror in dem Zweistromland so schnell ausbreiten werde und sie selbst kampfbereiten Islamisten schlussendlich den Weg ebnen würden. Die Auflösung der irakischen Armee und der gesamten Staatsordnung schuf ein Sicherheitsvakuum, das die multinationale Truppe nicht füllen konnte. Außerdem hat der Sturz der Diktatur auch zu einer geographischen Machtverschiebung geführt: Die soziale Basis des Saddam-Regimes konzentrierte sich im so genannten sunnitischen Dreieck. Der kurdische Norden und der schiitische Süden waren bei der Verteilung des nationalen Reichtums über Jahrzehnte hinweg so gut wie ausgeschlossen. Sie galten in ruhigen Zeiten als Bürger zweiter Klasse und während der Schlachten als Staatsfeinde. Ihre Aufstände hatte man im vorigen Jahrhundert mit Terror und Gewalt niedergeworfen. Saddam Hussein konnte erfolgreich die Gunst breiter Schichten der Sunniten gewinnen, indem er sie in Schlüsselpositionen in Staat und Wirtschaft brachte. Mit seinem Verschwinden verloren sie allerdings ihre führenden Stellungen. Deshalb ging der anschließende Aufstand von den sunnitischen Regionen aus. Dabei fiel den aufgelösten militärischen und politischen Organisationen eine zentrale Rolle zu. Sie waren straff organisiert, sehr gut militärisch trainiert und auch bewaffnet - also bestens geeignet für einen Partisanenkrieg.

Diese Kräfte spielen jetzt eine zentrale Rolle bei der Vorbereitung und Durchführung der Terroranschläge besonders gegen die Gegner des Baath-Regimes, die dank der amerikanischen Intervention heute Machtpositionen besetzen. Die Untergrundkämpfer haben bisher unter Decknamen wie etwa "Islamische Armee", "Anhänger der Sunna", "Brigaden der Revolution der zwanziger Jahre" agiert. Ihre brutalsten Terrorangriffe gegen Schiiten, Kurden und vor allem gegen die Angehörigen von Polizei und Armee zeigen mit aller Deutlichkeit, dass sie ihren Traum von einer Rückkehr zur Macht in Bagdad nach dem Abzug der amerikanischen Truppen mit oder ohne Saddam Hussein noch nicht aufgegeben haben.

Die Untergrundkräfte des gestürzten Regimes agieren aber nicht allein. Irak ist in den vergangenen zwei Jahren zum Anziehungspunkt radikal-islamistischer Kräfte aus aller Welt geworden. Die amerikanische Besatzung sieht sich mit einer zuvor unmöglich erscheinenden Allianz zwischen Alt-Baathisten und heiligen Kriegern konfrontiert. Saddam Hussein galt Osama bin Laden lange als Feind des Islam, den man, wie alle Tyrannen in der islamischen Welt, bekämpfen muss. Diese Haltung hat sich rasch geändert. Dabei spielten Abu Mussab al Sarkawi und seine Organisation "Al Qaeda im Zweistromland" eine entscheidende Rolle. Der Terrorist, der in Kürze zum Führer aller islamistischen Gruppierungen in Irak avancierte, identifiziert die internationalen Gruppen, "die Kreuzritter" und die Schiiten als seine Hauptfeinde.

Dass al Sarkawi mit den Überresten des Saddam-Regimes zusammen arbeitet, ist inzwischen keine Vermutung mehr. Sorgen die einen für Tarnung und Logistik, bieten die anderen Selbstmordattentäter auf, die sich aus allen islamischen Ländern rekrutieren. Eine Arbeitsteilung, die Sarkawi einstweilen die blutige und schmutzige Arbeit überlässt.

(c) Abdel Mottaleb El Husseini, veröffentlicht in der Frankfurter Rundschau vom 26.7.2005