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Unterlassene Hilfe

Nicht jeder Feind Saddams ist ein Freund der Schiiten

Von Dr. Abdel Mottaleb El Husseini

"Wir rufen die Iraker auf, ihr Vaterland, ihre Ehre, ihre Religion und ihre Heiligtümer zu verteidigen und die gottlosen Invasoren zu vertreiben." Das ist kein Zitat aus der letzten Rede des irakischen Diktators Saddam Hussein, sondern diese Erklärung trug die Unterschrift von Ayatollah Ali Alsaisatani, der höchsten irakischen schiitischen Instanz in der heiligen Stadt Nadschaf. Die für die US-Regierung unerfreuliche Botschaft wurde am Dienstag mehrmals vom Fernsehsender Al Dschasira ausgestrahlt. Damit sind die Hoffnungen der USA auf einen Widerstand der Schiiten gegen Saddam vorläufig enttäuscht worden. Die selbst ernannten Befreier Iraks wissen zu wenig über Geschichte, Gegenwart und die politische Lage der Bevölkerung des Landes.

Irak ist die Wiege der schiitischen Glaubensrichtung des Islams. In den Städten Nadschaf und Kerbela befinden sich die heiligen Gräber der am meisten verehrten Imame und Märtyrer des Schiitentums, Imam Ali und seines Sohnes Al Hussein. Die Schiiten unterscheiden sich in religiöser Hinsicht nur in der Frage der Nachfolge des Propheten von den Sunniten. Jene glauben an zwölf unfehlbare Imame aus der Familie des Propheten als seine rechtmäßigen Nachfolger. Wegen ihres religiösen Machtanspruches wurden die Schiiten in der islamischen Geschichte bis zur Auflösung des Osmanischen Reiches nach dem Ersten Weltkrieg stets verfolgt.

Etwa 60 Prozent der heutigen irakischen Bevölkerung sind Schiiten. Sie leben vor allem im Süden und im Zentrum des Landes. Die Schiiten bilden keine besondere Nationalität, sie sind weder sozial noch politisch homogen. Sie sind aber seit der Gründung des irakischen Staates politisch marginalisiert. Dies liegt im Widerstand der Schiiten gegen die Herrschaft der Engländer in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts begründet. Die Mandatsmacht stützte sich damals auf Sunniten, vor allem in der Armee und im Staatsapparat.

Dies taten alle folgenden Regierungen in Irak, auch die Baath-Partei seit ihrer Machtübernahme 1968. Obwohl sie sich als weltlich und national arabisch versteht, vertraute Saddam mehr den Sunniten in der Armee als seinem eigenen Stamm. Er führte einen blutigen Krieg gegen die oppositionellen schiitischen Geistlichen und Eliten. So wurden der berühmte Geistliche Mohammad Baker Al Sadr und viele Mitglieder seiner Familie im Jahre 1980 exekutiert. Die schiitischen Geistlichen im religiösen Zentrum in Nadschaf wurden besonders während des irakisch-iranischen Krieges zwischen 1980 und 1988 unterdrückt, weil sie unter dem Generalverdacht der Kollaboration mit ihren iranischen Glaubensbrüdern standen.

Nach der Niederlage des irakischen Regimes im zweiten Golf-Krieg 1991 wagten die Schiiten im Süden und die Kurden im Norden den Aufstand. Es bestand die Chance auf einen Regimewechsel in Irak, doch die US-Regierung ließ die Aufständischen damals im Stich; Saddam konnte dank der amerikanischen Haltung die Aufstände blutig niederschlagen.

Die unterlassene Hilfe hinterließ tiefe Spuren bei den irakischen Schiiten, die ohnehin der US-Politik misstrauen. Die UN-Sanktionen gegen Irak haben dazu beigetragen, das Land wirtschaftlich, politisch, kulturell und geistig zu ruinieren. Dadurch sind die Armen besonders in den schiitischen Gebieten noch ärmer geworden. Die Menschen sind seither mit dem Überleben beschäftigt. Davon hat das Regime profitiert. Saddam verringerte den Einfluss der schiitischen Opposition innerhalb Iraks, indem er einerseits Lebensmittelrationen verteilen ließ und andererseits die Schiiten gezielt unterdrückte.

Außerhalb Iraks ist die schiitische Opposition zerstritten. Sie rekrutiert sich aus einem religiösen und einem weltlichen Lager, das vor allem aus den Linksparteien kommt. Der "Obere schiitische Rat der islamischen Revolution im Irak" von Mohammad Baker Al Hakim ist die stärkste Gruppe. Sein Sitz befindet sich seit seiner Gründung 1982 in Iran. Er hat eine leicht bewaffnete Miliz, die Division "Badr". Zwischen Al Hakim und den USA gab es in den vergangenen Monaten eine politische Annäherung, die allerdings nur von kurzer Dauer war. Verantwortlich dafür ist die US-Politik, die die Rolle der irakischen Opposition auf die Legitimierung des Krieges gegen Irak reduziert hat.

Al Hakim ist zwar ein Todfeind Saddams, er kann jedoch eine Besetzung seines Landes auf keinen Fall akzeptieren, ohne von seiner schiitischen Basis, die die anglo-amerikanischen Truppen nicht gerade mit Blumen empfangen hat, als Kollaborateur betrachtet zu werden. Deshalb kämpft Al Hakim nicht an der Seite der Amerikaner, wenngleich er die irakischen Soldaten zur Kapitulation aufgerufen hat. Andererseits hat er die US-Soldaten offen als Invasionstruppen bezeichnet.

Die anderen kleinen und schwachen schiitischen Gruppen, wie die Al-Daawa-Partei und die Hisbollah, sind von vorneherein gegen jede politische Annäherung an die Vereinigten Staaten gewesen. Folglich ist eine schiitisch-amerikanische Waffenbrüderschaft gegen Saddam eine pure Illusion - und die USA haben das Festhalten aller Iraker unabhängig von ihrer religiösen Zugehörigkeit an der Souveränität und Unabhängigkeit ihres Landes unterschätzt.

(c) Dr. Abdel Mottaleb El Husseini