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Halbmond hinter Gittern

Porträt eines islamischen "Seelsorgers"
(Text eines Fernsehbeitrages für die Sendung "sonntags" im ZDF)

In der Jugendstrafanstalt Rockenberg in Hessen betreut Mustafa Ben Tayat ehrenamtlich muslimische Gefangene. Der gebürtige Marokkaner ist von Beruf Kraftfahrer, also kein ausgebildeter Imam. Seine tiefe Religiosität hat ihn zu diesem Engagement motiviert.

Der 44-jährige Mustafa Bentaayat lebt seit 1978 mit deutschem Pass in Deutschland. Seit mehr als vier Jahren fungiert er in mehreren Justizvollzugsanstalten (JVA) in Hessen als islamischer Seelsorger - eine Tätigkeit, die im Islam weder Tradition hat noch über gesellschaftliche Träger verfügt. In den meisten islamischen Ländern, in denen keine Demokratie und Rechtsstaatlichkeit existieren, ist man von einem humanen Umhang mit Strafgefangenen weit entfernt.

Gefängnis-Seelsorge für Muslime

In Deutschland, wo über drei Millionen Muslime leben, ist zwar die Seelsorge für alle Häftlinge gesetzlich gesichert, sie ist jedoch nur für Christen möglich. Im Islam existiert keine der Kirche ähnliche Organisation, die als Gesprächspartner des Staates in religiösen Fragen gelten könnte. Dieser Zustand macht eine religiöse Betreuung islamischer Gefangenen fast unmöglich. Die Gefahr, dass islamistische Rattenfänger die schwierige Lage der Gefangenen im Sinne ihrer Hassideologie und Gewalt ausnutzen, ist nicht zu unterschätzen. Viele der Bombenleger von Madrid vom vorigen Jahr rekrutierten sich aus der Unterwelt.

Mustafa Bentaayat steht in seiner Tätigkeit zwischen dem Hammer der Behörden und dem Amboss der islamischen Organisationen in Deutschland. Die ersten dulden zwar seine Tätigkeit, sie verfolgen jedoch sein Verhältnis zu den Gefangenen mit Misstrauen. Die zweiten zeigen kein Interesse für seine Arbeit, die nicht mit ihren Bestrebungen, dem negativen Bild des Islams in Deutschland entgegenzuwirken, konform ist.

Trost und Halt im Glauben

Bentaayat findet besonders unter den jungen islamischen Gefangenen in der JVA Rockenberg Akzeptanz. Denn sie brauchen in ihrer schwierigen Lage Trost und Halt. Sie sind über seine Besuche, seine Betreuung in Kultfragen und vor allem über die Versorgung mit religiösen Schriften erfreut. Er vermittelt auch zwischen den Gefangenen und ihren Familien. Er leistet nicht nur eine religiöse sondern auch eine soziale Arbeit.

Der "islamische Seelsorger" versucht, die Gefangenen weg von Gewalt und kriminellem Handeln zu bringen. Dabei stützt er sich auf die islamischen moralischen Werte, die die Gläubigen dazu aufrufen, das Gute zu tun und das Böse zu unterlassen. Darüber hinaus ruft er sie auf, ihre Taten, die zum Verlust ihrer Freiheit führten, zu bereuen. Dies sei dank Allahs Barmherzigkeit möglich. Seine Predigt ist einfach und ideologiefrei, ohne Hetze und Hass. Deshalb wird seine Tätigkeit in der JVA Rockenberg von der Gefängnisleitung auch als positiv bewertet. Inzwischen genießt er sogar ihr Vertrauen.

Bentaayat ist vielleicht der einzige islamische Gefangenenbetreuer in Deutschland. Sein persönliches Engagement ist ein Schritt in die richtige Richtung: Zu der von den islamischen Organisationen von Staat und Gesellschaft geforderten Integration gehört auch das Engagement für gesetzesbrüchige Glaubensbrüder.

von Dr. Abdel Mottaleb El Husseini, Text eines Fernsehbeitrages für die ZDFSendung "sonntags", gesendet am 27.02.2005 um 8:30 Uhr