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Antritt einer Erbschaft

Die libanesische Opposition vertraut vor allem Bahia al Hariri, der Schwester des ermordeten Ex-Premiers

von Abdel Mottaleb El Husseini

Eine politische Dynastie zu gründen, daran ließ Rafik al Hariri keinen Zweifel, habe er nicht die Absicht. Sein ältester Sohn Bahaa "will keine Politik", der zweitälteste, Saad, habe "viel zu tun mit der Verwaltungsarbeit." Für ihn persönlich, setzte der 60-Jährige im vergangenen Sommer in einem Gespräch mit einem befreundeten Journalisten hinzu, "habe die Politik satt." In dieser Hinsicht allerdings blieb sich der ehemalige Ministerpräsident Libanons nicht treu. Vielmehr sah er sich gar nicht imstande, die politische Kampfarena zu verlassen. Er bot den syrischen Herrschern die Stirn. Und machte sich daran, seinen zweiten politischen Sieg vorzubereiten. Doch Unbekannte brachten ihn am 14 . Februar um. Die Frage seiner Nachfolge musste ganz plötzlich geregelt werden.

Für dieses Erbe kommen in der arabischen Welt grundsätzlich eigentlich nur Männer in Frage. In Libanon begünstigt besonders das konfessionelle Proporzsystem die Vererbung der politischen Macht. Seit Jahrzehnten monopolisieren einige Familien aus der Oberschicht die Staatsämter. Sie fungieren als Vertreter ihrer Religionsgemeinschaften und ihrer Familien zugleich. In jedem Parlament und in jeder Regierung tauchen dieselben Namen auf. Hariri hat diese Schranken wie wohl kein anderer zuvor überwunden. Seine Herkunft aus bescheidenen Verhältnissen erwies sich für ihn nicht als Hindernis. Er stieg innerhalb von zwei Jahrzehnten zur führenden Persönlichkeit der Sunniten, zum mächtigsten Politiker und Finanzier des Libanon auf. Gleichzeitig errang er regionale und internationale Achtung. Nun scheint in der Familie, durch Hariris Ermordung tief erschüttert, seine Schwester Bahia den vakanten Platz des großen, weit über den Tod hinaus auf das Land wirkenden Bruders zu besetzen.

Die 55-jährige Bahia Al Hariri ist politisch kein unbeschriebenes Blatt. Sie ist dank der Unterstützung ihres Bruders seit 1992 Abgeordnete aus Sidon im libanesischen Parlament. Sie leitet auch seit Jahrzehnten die sozialen und kulturellen Institutionen des Hariri-Imperiums. Insbesondere bei der Förderung von Wissenschaft und Bildung wirkte sie prägend. Die Stiftung Al Hariri hat unter ihrer Ägide in den vergangenen Jahrzehnten und vor allem während des Bürgerkriegs tausende Studenten in- und außerhalb Libanons unterstützt.

Bahia al Hariri hat nach der Ermordung ihres Bruders die Libanesen überrascht. Sie verfiel nicht in Ohnmacht und Depression. Zwei Wochen nach dem bis heute trotz des Drängens der Vereinten Nationen nicht aufgeklärten Mordes stand sie vor dem Parlament - mit Tränen in den Augen und klarem Verstand. Sie hatte sich am Sturz der Regierung des Ministerpräsidenten Karame, einem einmaligen Vorgang in der arabischen Welt, entscheidend beteiligt. Selbstverständlich spielten dabei die protestierenden Massen eine wichtige Rolle. Aber diese brauchten eine Symbolfigur, die für die Fortsetzung des politischen Kurses des ermordeten Ex-Premiers steht. Bahia Al Hariri verlangte nicht Rache, sondern Gerechtigkeit. Sie erhob ihre Stimme für die Beendigung der syrischen Besatzung und der Herrschaft der Geheimdienste sowie für eine internationale Klärung des Mordes an ihrem Bruder. Auf der größten Demonstration in der Geschichte des Libanon am 14. März hat sie sich endgültig politisch bewährt. In einer leidenschaftlichen Rede erwies sie sich als fähig, eine integrative Rolle zu spielen. Dadurch konnte sie die politische Polarisierung von prosyrischem Regierungslager und antisyrischer Opposition bedeutend eindämmen. Sie schlug eine Brücke zur mächtigsten libanesischen Partei, der Hisbollah, in dem sie die Forderung nach deren Entwaffnung ablehnte und ihre Rolle als Garant der Souveränität des Landes gegenüber Israel anerkannte. Dadurch verschärfte sich die Krise des libanesischen Regierungslagers, das die Karte der Hisbollah gegen die Opposition zu spielen versuchte.

Trotz parlamentarischer Mehrheit waren die Machthaber in Beirut bisher nicht imstande, eine neue Regierung zu bilden. Ihre Versuche, die Angst vor Gewalt und Chaos nach dem von Damaskus fest zugesagten Abzug der Syrer zu schüren, sind fehlgeschlagen, die Gefahren eines Bürgerkriegs vorläufig gebannt.

Bahia al Hariri steht als Politikerin vor der schwierigen Aufgabe, die Rolle ihres Bruders als politischer Vertreter der Sunniten, der drittgrößten Religionsgemeinschaft in Libanon, zu übernehmen. Die Ermordung des ehemaligen Premiers beförderte Befürchtungen, diese Konfession könnte politisch marginalisiert werden. Dies wäre Wasser auf den Mühlen des islamistischen Terrors. Bahia al Hariri verstand es bisher, die Sunniten, die nach der libanesischen Verfassung das Amt des Ministerpräsidenten stellen, zu beruhigen.

Ihr Bruder Rafik war der Architekt des Taif-Abkommens von 1989, das den libanesischen Bürgerkrieg von 1975 an bis 1990 beendet hatte. Die Verwirklichung dieser Vereinbarung, die das friedliche Zusammenleben aller libanesischen Religionsgemeinschaften fordert und die Beziehungen des Landes zu Syrien regelt, bildet den Kern des politischen Vermächtnisses des ermordeten Politikers. Bahia al Hariri steht in diesem Zusammenhang vor einer großen Herausforderung: Sie muss an diesem Abkommen festhalten, aber zugleich auch Forderungen der demokratischen Kräfte berücksichtigen, Staat und Religion zu trennen. Ob sie in der Lage ist, die überkonfessionelle Massenbewegung in Libanon für die Errichtung eines demokratischen Staates zu lenken, hängt nicht nur von ihr, sondern auch von ihren politischen Verbündeten ab.

Über das Gelingen ihres politischen Projekts lässt sich einstweilen nur spekulieren. Eines allerdings steht für sie schon fest: Sie will auf keinen Fall vor den Mördern ihres Bruders kapitulieren. Ihre ersten Auftritte auf der politischen Bühne brachten trotz der tragischen Umstände durchaus Erfolge. Und vielleicht wird Bahia al Hariri ja die erste Ministerpräsidentin in der Geschichte des Libanon.

(c) Abdel Mottaleb El Husseini, veröffentlicht in der Frankfurter Rundschau vom 06.04.2005