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Portrait von Sajjed Mohammad Baker Al Hakim

Mit dem Sturz der irakischen Diktatur tritt das Leben von Sajjed Mohammad Baker Al Hakim in seine gefährlichste Phase ein. Der Vorsitzenden des „Oberen Rats der islamischen Revolution im Irak“ befindet sich jetzt in der Lage des Soldaten kurz nach dem Sieg. Der Feind ist zwar bezwungen, hinterlässt jedoch ein schweres Erbe, das von äußeren Mächten und inneren Konkurrenten beansprucht wird. Der bedeutende 64jährige Schiitenführer kehrt in Kürze nach einem Vierteljahrhundert iranischen Exils in seine Heimat zurück. Ihn erwartet ein von Chaos, Unsicherheit und Gewalt geplagtes Land.

Mohammad Baker Al Hakim gehört zur traditionellen religiösen Elite in der heiligen Stadt Nadjaf im Irak. Er entstammt dem zweiten Imam der Schiiten Hassan und trägt als Nachkomme des Propheten Mohammad den Titel Sajjed. Der schwarze, von ihm getragene Turban legt davon Zeugnis ab. Sein Vater, der große Ajatollah Mohsin Al Hakim, war zwischen 1950 und 1970 die höchste religiöse Instanz der Schiiten in der ganzen Welt. Er widmete sich der Entwicklung der Theologie und engagierte sich für ein Ende der politischen Benachteiligung der schiitischen Mehrheit der Bevölkerung (60%) im irakischen Staat. Dank seiner hohen Beliebtheit unter der Bevölkerung blieb ihm die Verfolgung durch das Baath-Regime, das 1968 die politische Macht eroberte, erspart.

Baker Al Hakim studierte die islamische Theologie bei seinem Vater. Er gründete in den 70er Jahren mit dem berühmten Theologen Mohammad Bakir Assadr die islamische Bewegung. Assadr trat für die Anpassung der schiitischen Lehre an die Forderungen des sozialen und politischen Lebens des 20. Jahrhunderts ein. Er entwickelte Konzeptionen von einem islamischen Staat und von einer aktiven Rolle des schiitischen Klerus. Deshalb ging seine Bewegung in Opposition zur Diktatur Saddam Husseins, mit dem die Unterdrückung der Schiiten im Irak ihren blutigsten Höhepunkt erreichte. Der irakische Diktator führte einen Vernichtungskrieg gegen die Basis und die Führung der irakischen Schiiten. Mord, Folter, Verbannung und Exekutionen waren besonders nach dem Sieg der islamischen Revolution in Iran 1979 und dem Ausbruch des ersten Golfkrieges 1980 die Antwort des Regimes auf die schiitische Opposition, deren Führer Baker Assadr exekutiert wurde.

Auch Baker Al Hakim hat bittere Erfahrungen mit Saddam Hussein gemacht. Zehn Mitglieder seiner Familie, unter ihnen sein Bruder, wurden hingerichtet und Dutzende inhaftiert.

Er selbst weilte mehrmals in irakischen Gefängnissen, bevor er 1980 nach Iran floh.

Von dort aus setzte Baker Al Hakim den Kampf gegen das irakische Regime fort. Dafür gründete er 1982 den „Oberen Rat der islamischen Revolution im Irak“ und eine bewaffnete Truppe, die Division Badr, die nach Ende des Golfkrieges 1988 einen kleinen Partisanenkrieg gegen Saddams Truppen insbesondere im Südirak führte.

Zwischen den Machthaber in Teheran und Al Hakim konnte die gemeinsame Religion nicht die unterschiedliche nationale Zugehörigkeit überwinden. Zudem kommt die Tatsache, dass der Irak religiös heterogen ist. Folglich kann der „Obere Schiitische Rat“ das iranische Modell nicht übernehmen. Deshalb entwickelte Al Hakim allmählich seine politische Vorstellung von einem pluralistischen Staat im Irak, in dem die Schiiten als Mehrheit eine zentrale Rolle spielen.

Die erste historische Chance zum Sturz des irakischen Regimes aus dem Inneren heraus wurde 1991 verpasst. Die USA - nur an der Befreiung Kuwaits interessiert - unternahmen nichts, um die blutige Unterdrückung der Schiiten und Kurden zu verhindern. Die damalige Bush-Administration misstraute den Schiiten und fürchtete die Zunahme des iranischen Einflusses im Irak.

Al Hakim musste ansehen, wie seine Anhänger in Kerbala und Nadjaf und in anderen schiitischen Städten regelrecht abgeschlachtet wurden. Die spätere anglo-amerikanische Einrichtung einer Flugverbotszone für die Armee Saddam Husseins im Süd-Irak konnte die blutige Rache des Regimes für den Aufstand der Schiiten nicht verhindern. Die Enttäuschung Al Hakims über die USA war groß. Zudem kam es in den 90er Jahren zu Phasen der Entspannung zwischen Irak und Iran, was sich negativ auf die Arbeit der schiitischen Opposition auswirkte.

Erst nach dem 11. September 2001 kam es zu den ersten Kontakten Al Hakims mit den Amerikanern. Die US-Administration entschied sich damals für den Sturz des irakischen Regimes, was heute zu seinem endgültigen Verschwinden im gegenwärtigen, immer noch andauernden Krieg geführt hat. Al Hakim, der einen tiefen Hass gegen Saddam Hussein hat, nahm während des Krieges eine neutrale Haltung ein. Angesichts der Tatsache, dass in der Strategie der Amerikaner in der jetzigen Phase die irakische Opposition keinen bedeutenden Platz einnimmt, geht Al Hakim auf Distanz zu den Amerikanern. Er repräsentiert unter den irakischen zerschrittenen oppositionellen Gruppierungen die wichtigste Kraft. Zur Füllung des politischen Machtvakuums könnte er beitragen. Dafür sprechen seine radikale und kompromisslose Haltung gegen das alte tyrannische Regime, seine Zugehörigkeit zur größten Bevölkerungsgruppe im Irak und seine familiäre Abstammung. Er gilt als pragmatisch, aber in der Frage der Wahrung der nationalen Souveränität und Unabhängigkeit des Iraks als kompromisslos.

Mohammad Bakir Al Hakim macht bisher nicht den Anschein von einer charismatischen Persönlichkeit. Er gilt aber als integer und tritt für einen demokratischen föderativen Staat im Irak, in dem alle Nationalitäten und Religionen friedlich zusammen leben. Der selbstbewusste Geistliche und Politiker wird sich mit der Rolle eines Kollaborateurs der amerikanischen Besatzungsmacht nicht begnügen. Seine politische Rolle und Zukunft hängt von der US-Strategie und von ihren wahren Absichten ab. Die Amerikaner könnten aus Al Hakim und den meisten Iraker Freunde machen, wenn sie die Auflösung des irakischen Staates verhindern und das Selbstbestimmungsrecht des irakischen Volkes respektieren. Wenn sie sich im Irak mittels ihrer militärischen Übermacht etablieren wollen, dann wird Al Hakim gegen sie kämpfen oder zu Gunsten von Radikalislamisten verschwinden.

(c) Dr. Abdel Mottaleb El Husseini