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Rafik Al Hariri: Ein Mann will ein Land wiederaufbauen

von Dr. Abdel Mottaleb El Husseini, Grundlage des WDR-Fernsehfilms "Der Günstling des Königs" aus dem Jahre 1995

Ziel des Beitrages ist es, den libanesischen Ministerpräsidenten Rafik Al Hariri zu portraitieren. Dies soll durch eine Analyse der politischen Verhältnisse in Libanon in Geschichte und Gegenwart geschehen. Al Hariri wird in seinem politischen, sozialen, regionalen und internationalen Kontext dargestellt. Darüber hinaus wird die Frage nach den Erfolgschancen der Politik Al Hariris beim Wiederaufbau des infolge des Bürgerkrieges zerstörten Libanons, bei der Stabilisierung des noch zerbrechlichen inneren Friedens und nicht zuletzt bei der Vorbereitung des Libanons auf dem bevorstehenden Frieden mit Israel untersucht.

I. Zur Person Al Hariris

Al Hariri gehört nicht zur traditionellen politischen Klasse des Libanons. Er entstammt einer normalen sunnitischen Familie aus der südlibanesischen Hafenstadt Sidon. Bevor er in der politischen Szene Anfang der 80er auftauchte verdiente er hauptsächlich in der Baubranche sein traumhaftes Vermögen, das gegenwärtig auf 4,5 Milliarden US-Dollars geschätzt wird, in Saudi-Arabien. Er gehört demzufolge zu den größten Nutznießern des Ölbooms, die aus ihren persönlichen Beziehungen zu den herrschenden Golfmonarchien und zu internationalen Firmen Kapital schlugen. Al Hariri unterhält sehr gute Beziehungen zum saudischen König Fahd. Er gilt nach Ansicht politischer Beobachter nicht nur als Untertan (Al Hariri trägt neben der libanesischen auch die saudische Staatsbürgerschaft), sondern auch als Geschäftspartner des Monarchen. Daß Al Hariri als der Mann Saudi-Arabiens in Libanon gilt, bedarf demzufolge keiner zusätzliche Hervorhebung. Hervorzuheben ist jedoch die konfessionelle Zugehörigkeit Al Hariris, weil sie in Libanon Umfang und Grenzen der politischen Tätigkeit bestimmt. Denn die politische Macht wird aufgrund der libanesischen Verfassung zwischen den Religionsgemeinschaften gemäß eines Proporzsystem aufgeteilt. Der Staatspräsident muß ein christlicher Maronit, der Parlamentspräsident ein Schiit und der Ministerpräsident ein Sunnit sein. Demzufolge hat Al Hariri im Herbst 1992 das höchste Amt, das ein Sunnit in Libanon erreichen kann, besetzt.

Doch der lange Weg hierhin führte durch den libanesischen Bürgerkrieg, der auch dem erfolgreichen Geschäftsmann durch seine Wirren und regionalen Verbindungen den politischen Weg ebnete. Der Aufstieg und das politische Schicksal Al Hariris sind mit der politischen Entwicklung des modernen Libanon eng verbunden. Die politische Rolle Al Hariris ist im Zusammenhang mit der geopolitischen Lage des Libanons bestimmt, die ihn zum Kulminationspunkt der regionalen politischen und militärischen Auseinandersetzungen im nahöstlichen Raum macht.

II. Der Libanon - ein bevorzugter Schauplatz der Konfrontation der Nahost-Konfliktparteien

Der Libanon dient besonders seit Anfang der 70er Jahre als bevorzugter Schauplatz der Auseinandersetzungen aller am Nahostkonflikt beteiligter Parteien. Der libanesische Staat fiel zum größten Teil Mitte der 70er Jahre der Existenz und dem Fortbestehen des Palästina-Problems zum Opfer. Schon seit Ende der 40er Jahre war das Zedernland vom Entstehen des israelisch-arabischen Konfliktes tief erschüttert. Weniger als fünf Jahre nach seiner Unabhängigkeit, 1943, war der Libanon an dem ersten arabisch-israelischen Krieg beteiligt. Die arabische Niederlage in diesem Krieg und die Entstehung des Staates Israel, brachten dem Libanon hunderttausende palästinensische Flüchtlinge (Inzwischen beträgt ihre Zahl 350000.) und machten seine südliche Grenze zu einer zwischen Todfeinden verlaufenden Demarkationslinie.

Die Niederlage der syrischen, jordanischen und ägyptischen Armeen im Juni 1967 gab dem israelisch-arabischen Konflikt noch schlimmere Dimensionen. Obwohl der Libanon sich an diesem Krieg nicht beteiligte, waren für ihn seine Folgen fatal.

III. Aufstieg der PLO und Niedergang des libanesischen Staates

Der Aufstieg der palästinensischen Befreiungsorganisation PLO und ihre Führung des militärischen Kampfes gegen Israel ausgehend von der libanesischen und jordanischen Grenze schufen für den libanesischen Staat die größten Schwierigkeiten seit seiner Entstehung. Er verlor demzufolge die Kontrolle über die palästinensischen Flüchtlingslager, die zu politischen und militärischen Zentren der PLO-Organisationen wurden. Bevorzugtes Aufmarschgebiet der PLO-Verbände war der Südlibanon. Die Versuche des libanesischen Staates, die militärische Präsenz der PLO auch mit Gewalt Ende der sechziger Jahre zu verhindern, scheiterten an der militärischen Schwäche der libanesischen Armee und an der politischen Spaltung der Libanesen hinsichtlich dieser Frage. Die libanesische Regierung war im Jahre 1969 gezwungen, aufgrund des Abkommens von Kairo die militärische Präsenz der PLO im Süden und ihre Kontrolle der Flüchtlingslager zu akzeptieren. Dadurch ist der Südlibanon Schauplatz der palästinensisch-israelischen Auseinandersetzungen geworden. Palästinensische Angriffe gegen den Norden Israels wurden mit israelischen Angriffen gegen die libanesischen Dörfer, Städte und gegen die palästinensischen Stützpunkte und Flüchtlingslager in Libanon beantwortet. Dieser Zustand verschlechterte sich noch mehr infolge der militärischen und politischen Liquidierung der PLO-Präsenz im September 1970 in Jordanien. Seitdem konzentrierten sich die Aktivitäten der PLO ausschließlich auf den Libanon. Dadurch beschleunigte sich der Auflösungsprozeß des libanesischen Staates, der unfähig war, seine Bürger vor den Folgen der israelisch-palästinensischen Auseinandersetzungen zu schützen. Der Libanon, der damals als Schweiz des Orients galt, trat gleichzeitig in dieser Phase in eine umfassende sozial-ökonomische Krise. Diese Krise führte nicht nur zur Verelendung der Volksschichten, sondern sie erfaßte auch breite Teile des Mittelstandes. Damit verschärften sich die sozialen Konflikte, die aus historischen Gründen und infolge der französischen Politik in den 20er und 30er Jahren in Form konfessioneller Gegensätze in Erscheinung treten. Die politischen Strukturen im Libanon, wonach die Staatsmacht zwischen den Vertretern der 16 Religionsgemeinschaften unter Hegemonie der Marionetten und Sunniten verteilt wird, erwies sich Mitte der 70er Jahre als unfähig, ohne Repression und Gewaltanwendung weiter zu existieren bzw. den Erhalt der Machtverhältnisse zu garantieren.

Die damalige Polarisierung der libanesischen politischen Kräfte um und gegen die politische und militärische Präsenz der PLO in Libanon wirkte aktiv auf diese Situation und war zugleich einer der Auslöser des Bürgerkriegs am 13. April 1975, der mit einem Angriff der Miliz der Falangistenpartei gegen einen palästinensischen Bus ausbrach. Die Verwandlung des palästinensischen Problems in Libanon in ein Objekt der Auseinandersetzungen zwischen den islamischen und nationalen Lagern, die sich mit der PLO solidarisierten, und dem christlich-konservativen Lager, das die Beendigung der palästinensischen Präsenz auch mit Waffengewalt anstrebte, machte aus ihnen politische und militärische Einflußsphären von Syrien, der PLO und Israel. Der Streit zwischen den libanesischen Bürgerkriegsparteien um eine neue Machtverteilung gewann allmählich eine nahöstliche Komponente.

Die politischen und militärischen Erfolge des PLO-Lagers in der ersten Bürgerkriegsphase 1975-1976 gaben Syrien den Anlaß, in die Libanonkrise zugunsten des christlich-konservativen Lagers einzugreifen. Es kam zum syrischen Einmarsch in Libanon und zu einer militärischen Konfrontation zwischen der PLO und Syrien um die Kontrolle des Libanons, der damals den Höhepunkt seines Auflösungsprozesses als Staatsgebilde erreichte.

IV. Der Libanon unter syrischem Protektorat

Mit dem syrischen Einmarsch ist der Libanon de facto in eine palästinensische, syrische und israelische Einflußsphäre aufgeteilt worden. Der Süden blieb bis zur israelischen Invasion 1982 ein zwischen der PLO und Israel umkämpftes Gebiet, da Israel jede Ausdehnung des syrischen Einflusses auf Südlibanon ablehnte. Zur ersten großangelegten israelischen Invasion in Südlibanon, bis zum Litanifluß, kam es im März 1978. Infolge dessen und auf Ersuchen der libanesischen Regierung verabschiedete der UN-Sicherheitsrat die Resolution 425 vom 19. März 1978. Diese Resolution forderte von Israel "die strikte Achtung der territorialen Integrität, der Souveränität und der politischen Unabhängigkeit des Libanon in seinen international anerkannten Grenzen". Weiterhin wurde Israel aufgefordert, seine Streitkräfte aus dem besetzten Südlibanon abzuziehen. Dafür beschloß der UN-Sicherheitsrat, "im Hinblick auf das Ersuchen der Regierung des Libanon unverzüglich eine Interimstruppe der Vereinten Nationen für den Südlibanon unter ihrer Befehlsgewalt aufzustellen, die sich aus Personal aus den Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen zusammensetzt und den Abzug der israelischen Streitkräfte bestätigen, den internationalen Frieden und die internationale Sicherheit wiederherstellen und der Regierung des Libanon helfen soll, die Wiedereinsetzung ihrer tatsächlichen Autorität in diesem Gebiet zu gewährleisten."

Seitdem sind UN-Truppen in Südlibanon stationiert. Sie dürfen jedoch nicht die internationale Grenze zwischen Israel und dem Libanon überwachen.

V. Die PLO geht , die Hisbollah kommt

Mit der Invasion in den Libanon im Juni 1982 konnte Israel zwar die PLO vertreiben, die Konflikte wurden jedoch nicht gelöst. Sie vergrößerten sich vielmehr. An der Stelle der PLO-Kämpfer setzten nationale und religiös gesinnte Kräfte den bewaffneten Kampf gegen die israelische Besatzung des Südlibanons, die ihnen die beste Legitimation lieferte, fort. Die israelische Besatzungspolitik hat dazu beigetragen, die Bewohner des Südens mehr und mehr in ihrer antiisraelischen Haltung zu radikalisieren. Die schiitische Amal-Organisation, die 1975 gegründet wurde und erst gegen die palästinensische Präsenz in Südlibanon eingestellt war, beteiligte sich an den antiisraelischen Aktionen. Damit erweiterte sich der Kreis der libanesischen Antibesatzungskräfte. Die Allianz zwischen Israel und den christlichen Milizen im Libanon und besonders im Süden führte zu einer neuen Eskalation des libanesischen Bürgerkrieges. Die Versuche der israelischen Regierung, 1983 ein Friedensabkommen mit der damaligen Regierung des Präsidenten Amin Gemayel zu schließen, scheiterten an dem libanesischen und syrischen Widerstand. Sie erwiesen sich als Totgeburt und wurden später von der gleichen libanesischen Stelle als null und nichtig erklärt. Das Scheitern des israelischen militärischen und politischen Abenteuers in Libanon wurde durch den Abzug der israelischen Armee aus dem Libanon 1985 gekürt. Israel behielt aber einseitig eine sogenannte Sicherheitszone im libanesischen Gebiet an seiner nördlichen Grenze zu Libanon. Dort unterhält die israelische Armee eine zum größten Teil aus libanesischen Christen bestehende, 3000 Mitglieder zählende Miliz in einer mehrheitlich von Schiiten bewohnten Region. Die sog. Sicherheitszone entlang der israelisch-libanesischen Grenze ist zwischen 8 und 10 Kilometer breit. Dort leben etwa 150000 Menschen. Durch diese Sicherheitszone ist der Südlibanon und seine Grenze zu Israel viel unsicherer geworden. Die radikale Hisbollah spaltete sich von der Amalbewegung ab und sucht seitdem durch bewaffnete Angriffe gegen die Armee des Südlibanons und die israelische Besatzung ihre politische Legitimation unter den Schiiten im ganzen Libanon. Sie wird seit ihrer Gründung Anfang der 80er Jahre von der islamischen Republik Iran politisch, militärisch und finanziell als Alternative zur gemäßigten prosyrischen Amalorganisation unterstützt. Beide Organisationen lieferten sich Ende der 80er Jahre erbitterte Kämpfe um die Alleinvertretung der Schiiten in Libanon. Trotz seiner Spaltung blieb das schiitische Lager neben dem christlichen und drusischen Milizen ein entscheidender Machtfaktor. Die Sunniten, die von der Präsenz der PLO bis 1982 politisch profitierten, verloren an politischem Einfluß.

VI. Der Aufstieg Al Hariris als Wohltäter und als Vermittler zwischen den Bürgerkriegsparteien

In der Phase zwischen 1982 und 1988 konzentrierten sich die Aktivitäten Al Hariris auf die Vermittlung zwischen den libanesischen Bürgerkriegsparteien einerseits und zwischen dem christlichen Lager und Syrien andererseits. Diese Bemühungen waren jedoch erfolglos. Weder die libanesischen Milizen noch ihre regionalen Helfer waren in dieser Etappe mit diesen Bemühungen zufrieden. Syrien hatte angesichts seiner Parteinahme für Iran im ersten Golfkrieg 1980-1988 ein gespanntes Verhältnis zu Saudi Arabien, das damals an der Seite des irakischen Regimes von Saddam Hussein stand. Al Hariri konnte trotzdem seinen politischen Aufstieg dank seiner Finanzkraft festigen. Durch großzügige Unterstützung von sozialen Einrichtungen, die das Leid des Bürgerkrieges linderten und die Rolle des libanesischen Staates teilweise ersetzten, profilierte sich Al Hariri als überparteilich und Wohltäter. Die von ihm gegründete Stiftung Al-Hariri gab beispielsweise Kredite an Studenten aus allen Konfessionen. Daraus zogen tausende Studenten und Wissenschaftler großen Nutzen. Obwohl diese Unterstützung als Kredit galt, hat bisher keiner der Nutznießer einen Cent zurückbezahlt.

VII. Al Hariri - Der Vater des At-Taif- Abkommen

Mit dem Ende des Golfkrieges zwischen Irak und Iran im Sommer 1988 änderte sich die politische Lage in Libanon und im Nahen Osten dramatisch. Der Libanon verwandelte sich auch in einen Schauplatz der Konfrontation zwischen Syrien und Irak, das den christlichen General Aoun während seiner militärischen Auseinandersetzungen mit der syrischen Armee unterstützte. Der Aufstieg Irak zu einer militärischen Macht beunruhigte außerdem die Golfmonarchien. Insbesondere Saudi-Arabien suchte in Syrien ein Gegengewicht zum expansionistischen Regime von Saddam Hussein. Diese politische Wende trug dazu bei, das Gewicht Al Hariri als Verkörperer der saudischen politischen Interessen in Libanon zu vergrößern. Unter saudischer Schirmherrschaft und mit aktiver Beteiligung Al Hariris unterzeichneten die Vertreter der Bürgerkriegsparteien mit Ausnahme des General Aouns die Vereinbarungen von At-Taif im Herbst 1989, die eine neue Teilung der Macht zwischen Muslimen und Christen in Libanon und die Beendigung des Bürgerkrieges beinhalten.

VIII. Der Golfkrieg : Syrisch - Saudische -Partnerschaft in Libanon

Die Vereinbarungen von Ataif galten jedoch bis zur Besetzung Kuwaits durch das Regime von Saddam Hussein nur auf dem Papier. Durch die Kuwaitkrise kam es zu einer Annäherung zwischen Syrien und den USA, da Präsident Assad an der richtigen Seite stand. Die Zerschlagung Irak durch die Alliierten kam ihm wie ein Geschenk des Himmels. Bevor die Operation Wüstensturm begann, konnte die syrische Armee General Aoun in Libanon ausschalten und das ganze libanesische Gebiet mit Ausnahme der Sicherheitszone im Süden politisch und militärisch kontrollieren.

Die Durchsetzung der Ataif-Vereinbarungen durch die Regierung des libanesischen Präsidenten Hraoui nach dem zweiten Golfkrieg führte 1991 zu einer Entwaffnung der libanesischen Milizen. Die libanesische Armee kontrolliert seitdem die palästinensischen Flüchtlingslager. Nur die Hisbollah durfte im Südlibanon ihre Waffen behalten. Dort ging der Krieg zwischen der Hisbollah und der israelischen Armee trotz der Fortschritte im Nahostfriedensprozeß weiter. Syrien behält die Karte der Hisbollah als Druckmittel in den Verhandlungen mit Israel um die Rückgabe der Golanhöhen.

Besonders nach der Einberufung der Nahostfriedenskonferenz im Herbst 1991 verstärkte Syrien seine politische Kontrolle des Libanons. Alle politischen und militärischen Institutionen stehen seitdem unter syrischem Einfluß. Im Einklang mit der syrischen Herrschaft behielt Iran enge Verbindungen mit der schiitischen Hisbollah. Saudi Arabien, das nach dem zweiten Golfkrieg seine Beziehungen zu Syrien weiterentwickelt hat, verstärkte seinen politischen Einfluß besonders unter den Sunniten. Für Rafik Al Hariri begann die letzte Station seiner politischen Aufstiegskarriere.

IX. Al-Hariri als Retter des Libanons aus der Wirtschaftsmisere

Aufgrund der Vereinbarungen von At-Taif wurden im Sommer 1992 Parlamentswahlen durchgeführt. Obwohl sie von den bedeutenden politischen und religiösen Vertretern der Christen boykottiert wurden, konnten sie auf Drängen Syriens durchgeführt werden. Im Ergebnis dieser Wahlen wurden die Verbündeten Syriens in das neue Parlament gewählt. Das Wahlergebnis brachte auch die im Ergebnis des Bürgerkrieges entstehenden sozialen und politischen Veränderungen zum Ausdruck. Die alte traditionelle halbfeudale und korrupte Elite, die den Libanon seit der Unabhängigkeit beherrschte, erlitt eine schwere Niederlage. An ihre Stelle traten neue Aufsteiger, die ihren politischen und ökonomischen Einfluß während des Bürgerkrieges ausgebaut hatten. Unter den Schiiten gewann die Hisbollah die Oberhand. Als Vertreter der neuen politischen Elite rückte Rafik Al Hariri in den politischen Vordergrund. Er wurde im Herbst 1992 libanesischer Ministerpräsident. Er trat als Retter des Libanons aus der Zerstörung und der Wirtschaftsmisere auf. Das Land befand sich in einer tiefen Wirtschaftskrise. 16 Jahre Bürgerkrieg ließen von der Infrastruktur und von den staatlichen Institutionen nichts übrig. Massenarbeitslosigkeit, Währungsverfall, Inflation, Elend und Kriminalität sind einige Ausdrücke dieser Krise. Verheerend war aber für den Libanon die Verelendung bzw. die Auswanderung des Mittelstandes infolge des Bürgerkrieges, der die Kluft zwischen Arm und Reich in Libanon dramatisch vertieft hat. Al Hariri weckte unter den Libanesen hohe Erwartungen. Seine persönlichen Erfolge als Geschäftsmann wirkten auf sie verzaubernd. In Al Hariri sah man zum ersten mal in der Geschichte des Libanons einen Politiker, der nicht die öffentlichen Gelder auszuplündern brauchte wie seine Vorgänger. Man dachte im Stillen, daß umgekehrt der bankrotte Staat vielleicht diesmal an der Reihe ist. Außenpolitisch sollte Al Hariri dank seiner Verbindungen zu Saudi Arabiens und dank seines internationalen Ansehens mehr Selbstbewußtsein gegenüber Syriens zeigen und die Rolle Irans, das die Hisbollah finanziell und politisch unterstützt, zügeln.

X. Al Hariri als Ministerpräsident - Ein Zauberer wird entzaubert

Unter den o.g. Bedingungen und hohen Erwartungen übernahm Al Hariri sein Amt als Ministerpräsident. Die erste Lektion, die er hierbei lernte, war, daß die libanesische Politik nicht in Beirut sondern in Damaskus gemacht wird. Schon bei der Ernennung der Minister war die Zustimmung der Syrer maßgebend. Außerdem sollte Al Hariri die Macht sowohl mit der schiitischen als auch mit der christlichen Seite und den Vertretern der zahlreichen Religionsgemeinschaften teilen. Dies wirkte lähmend auf seine Aktivitäten. Sein Ministerrat war angesichts seiner politischen Zerrissenheit sehr schwer zu integrieren. Al Hariri konnte trotzdem Schlüsselpositionen mit seinen Mitarbeitern besetzen. Als Ausdruck seiner wirtschaftlichen Ambitionen behielt er selbst das Finanzministerium. Er engagierte sich auch persönlich beim Aufbau des zerstörten Beiruter Zentrums. Er ist der Hauptaktionär der Aktiengesellschaft SOLIDERE, die diesen Auftrag erhielt. Über den Aufbau des neuen Zentrums herrscht in Libanon großes Dissens. Es wurde von der Opposition kritisiert, daß der Bau hauptsächlich den Interessen und dem Geschmack der Finanzkreisen und nicht den Bedürfnissen der Libanesen entspricht. Die Kritiker werfen auch Al Hariri vor, mehr im Beiruter Zentrum durch seine Bulldozer zerstört zu haben als die Bürgerkriegsparteien. Was die Lösung der wirtschaftlichen Krise angeht, so erwiesen sich die Hoffnungen der Libanesen auf Verbesserung ihrer Lage als Illusionen. Auf diesem Gebiet geht alles zu langsam. Al Hariri konnte jedoch einige Erfolge verbuchen und zwar bei der Stabilisierung der libanesischen Währung und beim Gewinn des Vertrauens an dem libanesischem Staat auf internationaler Ebene. Auf regionaler Ebene hat Al Hariri sich der syrischen Politik angepaßt. Bei den Friedensverhandlungen mit Israel ist die libanesische Position so identisch mit der syrischen, daß der US-Minister W. Christopher sich bei seinen Besuchen im Nahen Osten den Weg nach Beirut erspart. Das alte Status Quo im Südlibanon bleibt erhalten. Die Versuche Al Hariri, im Sommer 1993 nach der israelischen Operation "Abrechnung" im Südlibanon die libanesische Armee dorthin zu verlegen, schlugen fehl. Das Duell zwischen der proiranischen Hisbollah und der israelischen Armee geht folglich weiter. Während seiner ersten einunddreißigmonatigen Amtszeit reichte Al Hariri mehrmals angesichts der großen Differenzen in seinem Regierungsteam seinen Rücktritt ein. Er nahm ihn jedoch auf Drängen des syrischen Präsidenten Assad zurück. Daß es in Libanon keine Alternative zur Hariri als Ministerpräsident gibt, zeigt seine zweite Amtszeit seit dem vorigen Monat, nachdem er zuvor zurückgetreten war. Er bildete eine neue Regierung, die den Segen Damaskus genießt. Aber seine politische Macht nahm zugleich zu, nachdem er seine Gegner in der Regierung erfolgreich entfernte. Alles deutet daraufhin, daß Al Hariri mittelfristig das Geschick des Libanons mitbestimmen wird. Ein Rückzug aus der Politik kommt für ihn nicht in Frage. Al Hariri hat sich im Wiederaufbau des Beiruter Stadtzentrums finanziell engagiert. Dafür braucht er sein Amt.

Der libanesische Ministerpräsident steht gegenwärtig vor großen politischen Herausforderungen. Die Präsidentschaftswahlen stehen ihm im nächsten Herbst bevor. Die Amtszeit des Präsidenten Hraoui nähert sich also ihrem Ende. Über die Wahl des neuen Präsidenten sind momentan die libanesischen Parteien und Gruppierungen uneins. Laut libanesischer Verfassung muß der Präsident ein Maronit sein und vom Parlament gewählt werden. Aber das christliche Lager hat die Parlamentswahlen von 1992 boykottiert. Dies macht den Wahlprozeß schwierig. Syrien neigt dazu, die Amtszeit des jetzigen Präsidenten Hraoui zu verlängern. Aber dies ist ohne Änderung der libanesischen Verfassung unmöglich. Al Hariri muß deshalb eine Lösung für diese schwierige Frage finden und den politischen Riß zwischen Christen und Muslimen beseitigen.

Die zweitgrößte Herausforderung Al Hariris bleibt die Vorbereitung des Libanons auf den Frieden mit Israel im Falle einer syrisch-israelischen Annäherung in der Frage der Rückgabe der Golanhöhen. Wenn es hierzu in den nächsten Monaten käme, dann müßte die Regierung Al Hariris die Hisbollah zügeln, was keine leichte Aufgabe wäre. Wenn aber die Friedensgespräche zwischen Israel und Syrien scheitern würden, dann müßte Al Hariri die Gefahren diese Scheiterns für den Libanon bannen. Die Lage in Libanon bleibt trotz der seiner Befriedung immer von der gesamtnahöstlichen Lage abhängig. Auch das palästinensisch-israelische Verhältnis wirft seine Schatten auf den Libanon, in dem etwa 350000 palästinensische Flüchtlinge leben. Um ihr Schicksal hat sich bisher keiner gekümmert.

Die letzte Herausforderung, die vor Al Hariri steht bleibt die Stabilisierung des inneren Friedens. Dies setzt aber voraus, die Verwaltung zu reformieren und die Lebensbedingungen der Libanesen zu verbessern. Bisher hat die Regierung Al Hariri nur die Gewinnchancen der oberen Schicht verbessert. Auf ähnliche Verbesserung wartet immer noch die Mehrheit des libanesischen Volkes.

(c) Dr. Abdel Mottaleb El Husseini