header

Der Enkel des Ayatollah

von Abdel Mottaleb El Husseini

"Iran erstickt angesichts des Mangels an Freiheiten. Das Amt des religiösen Führers ist der Höhepunkt der verwerflichen Handlungen." Der Urheber dieses Aufrufes in der saudischen Zeitung Al Hayat ist kein Vertreter der weltlichen iranischen Opposition, sondern der Enkel des Gründers der Islamischen Republik, Ayatollah Khomeini. Der 45-jährige Hussein Khomeini bricht damit das Anfang der 80er Jahre von seinem Großvater über ihn verhängte Schweigegebot in Sachen Politik. Damals stand der Enkel gegen den Kurs der islamischen Revolution und musste sich dafür dem Studium der islamisch-schiitischen Theologie in Khom widmen. Während dieser langen Zeit hat sich die islamische Revolution entzaubert.

Besonders nach Ende des Krieges gegen Irak 1988 erlebt sie eine umfassende politische, ökonomische und soziale Krise. Die Forderungen nach Reformen und nach Demokratie erreichten 1997 mit der Wahl des Präsidenten Mohammed Khatami ihren Höhepunkt. Seitdem konzentriert sich der Kampf zwischen Reformern und Konservativen auf die Einschränkung der Vollmachten des religiösen Führers Ali Khamenei und die schrittweise Erneuerung des politischen Systems.

Hussein Khomeini überholt selbst die Reformer links, indem er das Amt des Religionsführers als nicht konform mit der schiitischen Lehre erklärt. Von der heiligen irakischen Stadt Kerbala aus verlangte er eine Volksbefragung über das politische System und eine strikte Trennung zwischen Religion und Politik. "Die Regierenden müssen nach Hause gehen, damit der Machtwechsel ohne Blutvergießen zustande kommt", sagt er. Für die USA findet Hussein Khomeini lobende Worte: Aus klerikaler iranischer Sicht der "große Satan", haben sich die USA in seinen Augen in einen Engel verwandelt, der Irak Freiheit und Demokratie beschert. Der Sturz des Regimes von Saddam Hussein in Irak sei eine Befreiung, meint er.

Khomeinis Enkelsohn verlangt eine ähnliche Befreiung Irans, falls die Änderung des politischen Systems von innen heraus scheitere. In dieser überzogenen Haltung zeigt der junge Khomeini eine große politische Naivität und diskreditiert sich vor allem unter den Irakern, die andere Erfahrungen mit der Besatzung machen.

Das plötzliche Auftreten Khomeinis, der bisher politisch ein unbeschriebenes Blatt war, ist im Zusammenhang mit den Veränderungen durch den jüngsten Golf-Krieg zu sehen. Irak scheint im Begriff, seine alte Rolle als geistiges Zentrum des Schiitentums zurückzuerobern. Die Erwartung, dass die islamische Republik vom Sturz des irakischen Diktators politisch profitieren wird, scheint sich nicht zu bewahrheiten. Es ist bemerkenswert, dass nun nicht Irak den Import der islamischen Revolution zu befürchten hat. Nein, umgekehrt scheint das iranische Regime mehr Angst vor den inzwischen freien Gelehrten in Irak zu haben. Die heiligen Stätten in Nadschaf und Kerbala ziehen nach dem Sturz der Diktatur Saddams wieder mehr oppositionelle iranische Geistliche an. Dort können sie frei von jeder Bevormundung und Kontrolle forschen und lehren.

Hussein Khomeini ist somit kein Einzelfall. Insgesamt trägt diese Entwicklung dazu bei, den politischen Druck auf die Konservativen zu erhöhen und die Position der Reformer zu stärken. Hussein Khomeini scheint sich in Irak zu etablieren. Er träumt freilich von einer politischen Rolle in Iran. Ob ihm dies nach dem Vorbild seines Großvaters gelingen wird, ist sehr fraglich. Sein radikaler und offener Diskurs findet unter den Reformern, die in ihrer Opposition nicht so weit gehen wollen, wenig Resonanz. Seine familiäre Abstammung macht ihn nicht automatisch zur einflussreichen politischen Figur. Sie garantiert ihm auch nicht die persönliche Unversehrtheit. Eine bittere Erfahrung hat er schon als Kind eines Oppositionellen gemacht: Damals, in den 70er Jahren, tötete der iranische Geheimdienst des Schah-Regimes in Irak seinen Vater.

veröffentlicht in der Frankfurter Rundschau am 18. August 2003, (c) Abdel Mottaleb El Husseini