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Portrait von Moktada As-Sadr

von Dr. Abdel Mottaleb El Husseini

Der schiitische Geistliche Moktada As-Sadr war bis zum Sturz des Regimes Saddam Hussein unbekannt. Über sein Alter scheiden sich die Geister. Seine Gegner geben ihm 22 Jahre, seine Anhänger 35 Jahre. Nicht einmal ein Bild von ihm existiert. Erst im Zusammenhang mit der Ermordung des schiitischen Führers Abdul Madschid el Choei am 10. April geriet er und der Machtkampf des schiitischen Klerus in Nadjaf in Blickfeld der internationalen Presse. As-Sadr stand im Verdacht, hinter der blutigen Tat zu stehen, was er jedoch vehement bestritten hat.

Moktada stand lange im Schatten seines bekannten Vaters Sajjed Mohammad Sadek As-Sadr, der am 19. Februar 1999 vom irakischen Regime ermordet wurde. Seine Familie hat in der modernen Geschichte des Schiitentums im Irak eine Schüsselrolle gespielt. Zu ihr gehörte der berühmte schiitische Denker Mohammad Bakir As-Sadr, der 1980 zusammen mit seiner Schwester von Saddam Hussein exekutiert wurde. Die Familie, die zahlreiche Märtyrer im Kampf der Schiiten für ihre Rechte zu beklagen hat, genießt unter den Gläubigen auch angesichts ihrer Abstammung vom Propheten hohes Ansehen.

Moktada As-Sadr versteht sich als Fortsetzer der Ideen seines Vaters, die gegenwärtig in den schiitischen Hochburgen im Irak eine rasche Verbreitung finden. Seit dem Fall Bagdads trägt die ehemalige Saddam–Stadt den Namen As-Sadr-Stadt. Mohammad Sadek As-Sadr war nach der Zerschlagung des schiitischen Aufstandes von 1991 nicht wie viele führende Vertreter der Schiiten ins Ausland geflüchtet. Er vertrat in dieser Phase einen Reformkurs, der mit der traditionellen passiven Haltung des schiitischen Klerus in Nadjaf hinsichtlich der Politik gebrochen hat. As-Sadr, der sich seit 1992 als höchste schiitische Instanz verstand, nahm gegenüber dem Regime von Saddam Hussein eine neutralisierende Haltung ein. Er widmete sich vor allem der Erneuerung der religiösen Institutionen. Dabei standen die Entwicklung der religiösen und sozialen Normen sowie die Herstellung einer engen Verbindung zwischen den religiösen Institutionen und den Gläubigen im Mittelpunkt. Mit diesem Kurs erreichte er die Masse der Gläubigen und konnte ihre durch die Repression erzeugte Apathie erheblich verringern. Auf der anderen Seite baute er den Grundstein für das soziale Engagement der schiitischen Geistlichen, das zuvor im Irak nicht existierte. Das irakische Regime duldete diese Aktivitäten zuerst bis zu einem gewissen Grad. Dies wurde von Vertretern der schiitischen Opposition im Ausland, wie dem Oberen Rat der islamischen Revolution und der Stiftung El Chuie als Kollaboration mit Saddam Hussein angesehen. Das irakische Regime erkannte später das Wirken As-Sadrs als ein akute Gefahr für sein politische Herrschaft und beseitigte ihn Ende der 90er Jahre.

Moktada As-Sadr trat infolgedessen das Erbe seines Vaters an und musste unter der Herrschaft seiner Mörder dessen Kurs fortsetzen. Mit dem Ende der irakischen Diktatur kehrte die Freiheit für die Schiiten, die sich auf den jetzigen Massendemonstrationen artikuliert, zurück. Die nun aus dem Exil heimkehrende schiitische Opposition wird von As-Sadr und seinen Anhängern nicht herzlich empfangen.

Im Kampf der schiitischen Parteien und Gruppierungen um Einfluss unter den Massen hat Mokada As-Sadr keine schlechte Karten. Besonders unter den Gelehrten, Absolventen und Studierenden des theologischen Zentrums in Nadjaf hat er viele Anhänger und Missionare. Die Tatsache, dass er in der Zeit der Diktatur im Lande geblieben ist, vergrößert seine politischen Chancen. Bisher weiß man sehr wenig über ihn. Ob er die Zustimmung für den Kurs seines Vaters in eine eigene politische Rolle umsetzen kann, ist abzuwarten. Die aus Jahrzehnten der Unterdrückung befreiten Schiiten brauchen eine Integrationsfigur, die aufgrund ihrer politischen Zersplitterung und der amerikanischen Besatzung nicht von heute auf morgen zu erwarten ist.

(c) Dr. Abdel Mottaleb El Husseini