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Im Gespräch: Dr. Abdel Mohsin Al-Turki, Generalsekretär der islamischen Weltliga

Abdel Mottaleb El Husseini

Um den Generalsekretär der islamischen Weltliga (Muslim World League) zu treffen, brauchte man nicht zur heiligen Stadt Mekka zu pilgern - er kam persönlich nach Berlin. Dr. Abdullah Bin Abdul Mohsin Al-Turki wollte das Bild des Islams in Deutschland vom Schatten der Bin Ladins befreien. Trotz dieser schwierigen Mission wirkte der 62 jährige ruhig und bedacht. In seine Augen funkelte ein Gemisch aus Entschlossenheit, Ironie und leichter Traurigkeit. Sie lassen den ersten Eindruck, der durch den schneeweißen Kaftan, die grauen Haare und das bleiche Gesicht entsteht, schnell verblassen.

Der ehemalige saudische Religionsminister und islamische Theologe war anfänglich im FR-Gespräch zwar wortkarg, antwortete jedoch auf alle Fragen offen.

Die Islamische Weltliga sei eine von den Regierungen unabhängige Organisation. Ihre Hauptaufgabe bestehe darin, die Arbeit der islamischen Organisationen zu koordinieren und die strategischen Fragen der islamischen Weltgemeinschaft zu behandeln. Die religiöse Bildungsarbeit, der Bau von Moscheen die Betreuung der islamischen Minoritäten und die Katastrophenhilfe in der Welt gehören zu den ihren Aktivitäten. Sie will nicht missionieren, sondern die Gläubigen religiös betreuen und den Islam verteidigen.

Auf die Frage, wer seine Organisation finanziere, nannte Al-Turki die saudische Regierung als wichtigsten Förderer der Liga, die sich zum größten Teil durch ihre wirtschaftlichen Institutionen finanziere. Die saudische Unterstützung begründete er mit der Tatsache, dass die Organisation vor 40 Jahren in Mekka gegründet wurde und dass Saudi Arabiens die heiligen Stätte des Islams beherberge.

Bei der Beantwortung der Frage nach den Konsequenzen der Terroranschläge vom 11. September vorigen Jahres auf die Arbeit seiner Organisation hatte die anfängliche Wortkargheit von Herrn Al-Turki ihr Ende. "Wir konzentrieren uns infolge dieser Ereignisse auf den Dialog. Wir betonen, dass die Muslime für den Frieden stehen und dass sie die Gewalt ablehnen. Der Islam ist eine humane und offene Religion." Dies besonders der breiten Masse im Westen zu erklären sei keine einfache Aufgabe. Hier herrsche totale Ignoranz.

Eine Verbindung zwischen dem Islam einerseits und dem Terrorismus und Extremismus andererseits lehnt Al-Turki entschieden ab. Derjenige der dies so sehe, wisse entweder nichts über die Wahrheit des Islams oder sei gegen den Islam von vorn herein eingestellt. "Die Anhänger des Islams zählen weltweit 1,3 Milliarden Menschen, die friedlich ohne Terror und Gewalt leben. In begrenzten Fällen, die mit politischen Interessen und Konflikten zusammenhängen, existieren solche Erscheinungen, wie auch in der übrigen Welt." Bestimmte Kräfte hätten das Interesse, die Feindseligkeiten zwischen den Menschen zu schüren. Deshalb tritt Al-Turki gegen den Hass zwischen den Völkern ein. Er warnt vor der Verleumdung der Muslime, die den Extremismus und die Gewalt unter ihnen fördere. Er wolle dem Extremismus entgegenstehen und die religiöse Mäßigung verbreiten, weil der Islam eine gemäßigte Religion sei. Er stehe gegen die Gewalt, unabhängig davon, ob sie von Personen oder von Staaten oder Gruppen komme. Die Ursachen des islamischen Fanatismus liegen nach Ansicht des Generalsekretärs in den sozialen und politische Verhältnissen und teilweise in der Unwissenheit begründet.

Al-Turki sieht trotz der Ereignisse des 11. Septembers gute Chancen für den Dialog der Zivilisationen. Es gebe Unterschiede zwischen der islamischen und der westlichen Kultur. So sei die Religion im Westen vom Leben getrennt, während sie alle Bereiche des Lebens der islamischen Gemeinschaften umfasse. Werte, wie das Recht jedes Menschen auf Leben, Gerechtigkeit, Kampf gegen die Unterdrückung und das Recht auf Meinungsfreiheit seien für alle Gesellschaften gültig. "Es ist im Interesse der Menschheit, an die Verwirklichung dieser Werte, trotz der Unterschiede in ihrer Interpretation, zusammenzuarbeiten. In vielen Fragen bestehen keine Unterschiede zwischen der islamischen Zivilisation und der Moderne."

Al-Turki betrachtet den zugespitzten Nahostkonflikt, der nicht nur auf das Pal

Der Generalsekretär der Islamischen Weltliga betrachtet die Selbstmordanschläge der Palästinenser in Israel als Ausdruck der Hoffnungslosigkeit und des Fehlens von Gerechtigkeit. Verantwortlich für solche Aktionen sei der Kriegszustand, der zwischen den Israelis und Palästinensern gegenwärtig bestehe. Dieses Problem dürfe nicht abstrakt, sondern im Zusammenhang mit den Praktiken der israelischen Armee gegen die Palästinenser betrachtet werden. Man könne denjenigen, die ihre Kinder und Häuser verloren haben und vertrieben wurden, nicht einfach sagen, tut dies und jenes nicht, ohne ihnen eine Alternative dazu zu zeigen. "Wenn es eine richtige und gerechte Lösung des Problems gäbe, wären solche Dinge nicht passiert." Man dürfe auch nicht vergessen, dass Israelis bisher hunderte hässlichere Aktionen als die Selbstmordanschläge gegen die Palästinenser ausgeübt haben. "Hat nicht ein israelischer Extremist in der Moschee von Hebron zahlreiche Menschen während des Gebets getötet?"

Befragt nach den Ergebnissen seiner Gespräche in Deutschland zog Dr. Al-Turki eine nüchterne Bilanz. So schätzte seine Gespräche mit dem Bundesministers des Inneren und mit den anderen deutschen Politikern als positiv und nützlich ein. "Wir fanden in vielen Fällen große Übereinstimmung. Natürlich bestehen auch zwischen uns und vielen Leuten Meinungsverschiedenheit." Für die Zusammenarbeit mit Deutschland sieht er eine Perspektive, besonders auf dem Gebiet des Dialogs der Zivilisationen.

Was das Verhältnis der Islamischen Weltliga zu den islamischen Organisationen angeht, so unterstütze sie die Muslime bei der Wahrung ihrer islamischen Identität. Sowohl beim islamischen Religionsunterricht als auch beim Bau von Moscheen in Deutschland würde den Muslimen in Deutschland geholfen. Die Leistungen der Liga würden auch die Besorgung von Stipendien für islamische Universitäten in Saudi Arabiens und die Organisation von Konferenzen und Tagungen umfassen. Alle diese Fragen betrachtet zwar der Generalsekretär als wichtig. Er sieht jedoch die Zusammenarbeit mit den Vereinen besonders in den "strategischen und Hauptfragen". Deshalb sei die Erfüllung der Forderungen der Muslime in Deutschland aufgrund der Gesetze in Deutschland Thema der Gespräche mit den deutschen Verantwortlichen gewesen. Der Generalsekretär habe hier eine Übereinstimmung mit seinen Gesprächspartnern feststellen können.

(c) Dr. Abdel Mottaleb El Husseini