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Im Geiste des Islams? Fundis in Ägypten

I. Der Islam: Eine Gefahr für Frieden und Stabilität in der Welt?

Seit dem Zusammenbruch des Kommunismus scheint der Islam im Begriff zu sein, ein Ersatzfeind des Westens und der bestehenden internationalen Ordnung zu werden. Der alte Konflikt zwischen dem islamischen Morgenland und dem christlichen Abendland wird von führenden Politikern, Militärs, von nahmhaften Publizisten in der westlichen Welt und zugleich von Vertretern fundamentalistischer Kräfte in der islamischen Welt wiederbelebt. Beim Abschied von seinem Amt als Nato-Oberbefehlshaber sagte John Galvin: "Den kalten Krieg haben wir gewonnen. Nach neuer siebzigjähriger Abirrung kommen wir nun zur eigentlichen Konfliktachse der letzten 1300 Jahre zurück. Das ist die große Auseinandersetzung mit dem Islam." (Zitiert in der "Zeit" vom 2. April 1993) Der zweite Golfkrieg wurde beispielsweise von den Islamisten als Kreuzzug des Westens gegen den Islam dargestellt. Die heilige Allianz des Westens mit Vertretern einiger islamischer Regime und Bewegungen gegen den Kommunismus schlug in eine Feindschaft um. Teile der Mudschahedin in Afghanistan, die in den 80er Jahren von den USA finanziell und militärisch unterstützt wurden, sind heute zu Todfeinden ihrer Ex-Ziehväter geworden.

Der gegenwärtige islamische Fundamentalismus wird von Teilen der US-Presse mit dem Faschismus in den 30er Jahren und mit dem Kommunismus der 50er Jahre verglichen. (Siehe Le Monde Diplomatique vom Dezember 1993) Die Mordanschläge islamistischer Gruppierungen in Algerien und Ägypten gegen Schriftsteller, Ausländer und Touristen, der Bombenanschlag gegen das World Trade Center am 26. Februar 1993 und andere tragen dazu bei, solchen Thesen eine gewisse Glaubwürdigkeit zu verleihen. Solche Anschläge bleiben jedoch die Akte kleiner politischer Gruppierungen, die nur einen Bruchteil aller Moslems repräsentieren.

Die Forderungen der islamistischen Bewegungen nach Durchsetzung der Scharia als Allheilmittel und als Alternative zu den prowestlichen Regimen erwecken den Eindruck, daß die Islamisten das Rad der Geschichte zurückdrehen könnten und die Errungenschaften der Moderne beseitigen wollten.

II. Der Islam und die Integration von Zuwanderern im Westen

Die Bilder der Gewalt in vielen islamischen Länder werden in breiten Teilen der Medien als Beweis für eine islamische Bedrohung des Westens und von rechtskonservativen Politikern als Argument für die Unmöglichkeit, die 12 Millionen muslimischen Einwanderer in den westlichen Ländern zu integrieren, gedeutet. Die antiwestliche Komponente und vor allem die antiamerikanische und antiisraelische Komponente der verschiedenen islamistischen Gruppierungen wird in den Medien hervorgehoben. Der Islam wird außerdem als Hindernis für Säkularismus, Toleranz, Demokratie, Modernismus, Freiheit des Geistes (Die Mordfatwa gegen Salman Rushdie) und nicht zuletzt als eine frauenfeindliche Religion par exellence dargestellt. (Film und Bestseller von Betty Mahmudy "Nicht ohne meine Tochter") Dabei werden Islam und islamischer Fundamentalismus gleichgestellt. Zwischen den zahlreichen verschiedenen islamistischen Gruppierungen und Tendenzen, die sich keinesfalls hinsichtlich der Gewalt als Mittel zur Durchsetzung des von ihnen geforderten islamischen Staates einig sind, wird nicht differenziert. Als Erklärung des islamischen Fundamentalismus wird der Islam und die Machtgier gewalttätiger islamischer Fanatiker, die ihre Kraft aus der islamischen Religion schöpfen, ausgegeben.

III. Sind Islam und islamischer Fundamentalismus identisch

Die Kritiker des islamischen Fundamentalismus sind sich in der Frage der Erklärung des fundamentalistischen Phänomens aus dem Islam mit den Fundamentalisten selbst einig. Diese vereinfachte Sichtweise kann aber die Grenzen der Polemik und der Wiederbelebung alter Feindbilder, die ihre Wurzeln in der Geschichte haben, nicht überschreiten. Sie ist unfähig, zwischen Wesen und Erscheinungsformen des islamischen Fundamentalismus, der in einer singulären Form nur auf abstrakter Ebene existiert, zu unterscheiden. Der islamische Fundamentalismus ist weder aus dem Islam allein noch aus dem Machtstreben einer Gruppierung zu erklären. Er ist das Produkt einer Vielfalt von historischen, politischen, religiösen, sozialen und kulturellen Faktoren, die in den jeweiligen Gesellschaften existieren. Er ist also eine politische Bewegung, die den Islam als Ideologie hat, und nicht aus dem Koran, sondern aus den krisenhaften politischen Verhältnissen zu erklären ist. Die Tatsache, daß der Islam keine Trennung zwischen dem irdischen und dem himmlischen Reich macht, ändert nichts daran. Der Islam konnte aufgrund dieser Besonderheit stets den sozialen und politischen Protestbewegungen als Legitimationsfaktor ihrer Machtansprüche und zugleich den Herrschern zur Stabilisierung ihrer Macht dienen. Nur während einiger Jahrzehnte nach dem Tode des Propheten im Jahre 632 herrschte politischer Konsens innerhalb der islamischen Gemeinschaft. Die Moslems spalteten sich direkt danach in Schiiten und Sunniten hinsichtlich der Nachfolge des Propheten. Durch die verschiedenen Glaubensrichtungen artikulierten sich im Verlaufe der Zeit und im Zusammenhang mit der Verbreitung des Islams politische, soziale und nationale Interessen. Die Verbindung zwischen Religion und Politik im Islam resultiert daraus, daß im Islam der Glaube an Gott und das Bemühen, eine soziale Utopie im Diesseits zu verwirklichen, eine Einheit bilden.

IV. Der Islam und die Moderne

Seit Anfang des 19. Jahrhunderts steht der Streit in der islamischen Welt um das Verhältnis zwischen Religion und Politik unter dem Eindruck des zunehmenden Einflusses erst der europäischen Kolonialmächte und später des Westens. Der Vorstoß Napoleons nach Ägypten 1789-1799 brachte die Schwäche der islamischen Welt gegenüber der Übermacht des Abendlandes auf wissenschaftlich-technischem Gebiet zum Ausdruck. Der ideelle, politische und wirtschaftliche Einfluß des Westens hat diesen Prozeß maßgebend beeinflußt und die Krise des traditionellen Islams herbeigeführt. Die islamischen Gesellschaften sollten Antworten auf Fragen des modernen Lebens, in dem Wissenschaft, Technik und Marktwirtschaft einen zentralen Platz einnehmen, geben. Im Zuge der Konfrontation mit dem westlichen und dem sozialistischen Modell entstanden seit dem Ende des ersten Weltkriegs in den islamischen Ländern zwei gegensätzliche Grundtendenzen. Die laizistische Tendenz trat bisher für die Trennung von Religion und Politik und für die Errichtung von Nationalstaaten mit liberalistischer oder sozialistischer Ordnung ein. Sie hat jedoch die Religion im Sinne ihrer Politik interpretiert und ihre Trennung von der Politik nur halbherzig durchgeführt. Wichtige Bereiche wie das Familienleben blieben vom islamischen Gesetz bestimmt. Die Religion wurde nicht zur Privatsache erklärt. Der Staat kontrollierte das religiöse Leben: Die Vorbeter wurden vom Staat bezahlt. Auf der anderen Seite lehnten die traditionalistischen Tendenzen diese Trennung strikt ab und forderten die vollständige Durchsetzung des islamischen Rechts im Staat. Liberalismus, Sozialismus und auch islamischer Traditionalismus sind in den seit Ende des zweiten Weltkriegs unabhängigen islamischen Staaten daran gescheitert, die wirtschaftlichen, sozialen und politischen Probleme zu lösen und die Unterentwicklung dieser Länder im Verhältnis zu den westlichen Ländern zu überwinden. Dies war der Ausgangspunkt für die Entstehung islamisch-fundamentalistischer Bewegungen revolutionärer Prägung, die seit dem Sieg der islamischen Revolution im Iran 1979 mehr und mehr an politischem Einfluß in den von Wirtschaftskrisen geplagten islamischen Ländern gewinnen. Nicht aus den heiligen Schriften schöpfen die Fundamentalisten ihre Kraft, sondern aus den korrupten Machtverhältnissen und aus dem sozialen Elend. Auch die Politik des Westens, der mit islamisch-archaischen und diktatorischen Regimen wie z.B. den Golfmonarchien, dem Schahregim in Iran, etc politische Bündnisse schloß und schließt und das Primat der wirtschaftlichen und politischen Machtinteressen gegenüber Demokratie und Menschenrechten hervorgehoben hat, trägt ihren Anteil an dem Erstarken des islamischen Fundamentalismus, der deshalb eine antiwestliche Komponente besitzt. Was als Reislamisierung dargestellt, wird ist nichts anderes als ein Funktionswechsel des Islams von einem der politischen Macht untergeordneten Faktor zu einem revolutionären Machtfaktor, der die Herrschaft einer politischen Elite in Frage stellt. In Saudi Arabien drängt die religiöse Polizei die Gläubigen zum Gebet, während die Sicherheitskräfte in Algerien und Ägypten Moscheen gewaltsam räumen. (Siehe Olivier Carre: L'échec de L'islame politique, Paris 1992) Die islamistische Herausforderung in Ägypten liefert den Beweis dafür.

V. Die Islamisten sind in Ägypten nicht "vom Himmel gefallen"

Ägypten ist ausgehend von der religiösen Zugehörigkeit der größten Mehrheit seiner Bevölkerung ein islamisches Land. 90% der Ägypter bekennen sich zum sunnitischen Islam. Der Islam ist laut Verfassung Staatsreligion. Er nahm stets einen bedeutenden Platz im gesellschaftlichen Leben ein. Ägypten beherbergt außerdem die größte christliche Religionsgemeinschaft der arabischen Länder, 5,9% der Bevölkerung sind christliche Kopten. In Kairo befindet sich die Al-Azhar Universität, die bedeutendste islamische Universität der Welt für islamische Theologie. Ausgehend von seiner geographischen Lage war Ägypten stets ein offenes Land. Das Zusammenleben von Christen und Moslems verlief jahrhundertelang friedlich. Religiöse Toleranz zeichnete die Geschichte Ägyptens aus. Ursache dafür ist die tolerante Haltung des Islams gegenüber Christen und Juden, die vom Koran als Schriftbesitzende betrachtet werden. Christenverfolgungen gab es nur unter dem Fatimiden Kalif Al Hakim (996-1021) . Die gegenwärtige islamistische Welle, die sich mit den Mitteln des Terrors und der Gewalt artikuliert, bleibt unverständlich, wenn man ihre historischen Wurzeln und ihre sozial-politischen Ursachen außer acht läßt. Die Islamisten sind nicht vom Himmel gefallen. Der moderne Islamismus als Ideologie, die die Durchsetzung des islamischen Rechts im Staat fordert, entstand in Ägypten. Die Bewegung der Muslimbrüder wurde 1929 von Hasan al Banna(1906-1949) gegründet. Sie nahm seitdem an den politischen und ideologischen Auseinandersetzungen in Ägypten und in den anderen arabischen Ländern aktiv teil.

VI. Der Islam im Dienste des arabischen Nationalismus . Der Nasserismus (1952-1970)

Die Muslimbrüder führten in den 50er Jahren einen erbitterten Kampf gegen den Nasserismus (1952-1970), der nach innen eine sozialistische Entwicklung und nach außen eine panarabische und antiwestliche Politik vertrat. Nasser machte eine Trennung zwischen Staat und Religion. "Der Islam wird respektiert und als mit den Forderungen des Sozialismus und Arabismus konvergierend interpretiert, ohne daß man eine Einmischung der Geistlichen in die Leitung des Staates toleriert" (Siehe Maxime Rodinson, "Die Araber" S.119). Deshalb verfolgte Nasser eine Unterdrückungspolitik gegenüber den Muslimbrüdern. Die Islamisten galten in dieser Phase als prowestlich. Sie genossen die Unterstützung der arabischen Golfstaaten und des Westens zugleich. Während des kalten Krieges war der Islamismus ein Verbündeter des Westens im Kampf gegen den Kommunismus und seine Bündnispartner in der dritten Welt. Das sozialistische Experiment in Ägypten scheiterte.. Politisch erlitt das Regime Nassers im Sechstagekrieg 1967 mit Israel eine vernichtende Niederlage. Nasser mußte sich vor aller Welt, vor allem vor seinen Gegnern im islamischen Lager in und außerhalb von Ägypten seine Unfähigkeit, die arabischen Interessen in Palästina durchzusetzen, eingestehen. Auf wirtschaftlicher Ebene brachte die sozialistische Entwicklung bei der Lösung der riesigen wirtschaftlichen Probleme des Landes nicht den gewünschten Erfolg. Die Muslimbrüder konnten die Niederlagen Nassers als ihre eigenen Erfolge feiern. Mit dem plötzlichen Tod Nassers im Herbst 1970 ging die sozialistische Ära in Ägypten faktisch zu Ende.

VII. Sadat: Die Politik der Infitah (der wirtschaftlichen Öffnung) und des Friedens mit Israel

Als Nachfolger Nassers machte der Präsident Sadat eine radikale Wende in der Innen-und Außenpolitik. Innenpolitisch forderte Sadat die islamistische Tendenz als Gegengewicht zu den Nasseristen und Marxisten. Insbesondere konnten die islamischen Gruppierungen der Gammaa Al Islamiia in den Universitäten und in den Gewerkschaften den Einfluß der Linken verdrängen. Für die Durchsetzung seiner Politik der wirtschaftlichen Öffnung (Infitah) brauchte Sadat die Unterstützung der Muslimbrüder, die das sozialistische Modell entschieden ablehnen. Als Morgengabe für die Hochzeit mit den Muslimbrüdern ließ Sadat 1971 die Scharia zu einer der Hauptquellen und 1980 zur Hauptquelle der Verfassung erklären. Die Politik der wirtschaftlichen Öffnung erwies sich als unfähig, die Lebensbedingungen der Ägypter zu verbessern. Nutznießer dieser Politik waren zum größten Teil Spekulanten und eine parasitäre Schicht von Neureichen und korrupten Bürokraten. Die Proteste gegen diese Politik erreichten im Januar 1977 im sogenannten Brotaufstand ihren Höhepunkt. Die Vertreter der islamischen Tendenz bejahten in dieser Phase die Liberalisierung der Wirtschaft. Der Bruch zwischen Sadat und den islamistischen Gruppierungen kam als Folge der Unterzeichnung des Camp- David-Abkommens am 19.9.1978 und des Friedensvertrags mit Israel am 26. 3. 1979 zustande. Die Islamisten lehnten diesen Vertrag, der nach ihrer Ansicht die arabischen und islamischen Interressen verrät, ab und gingen zur Gewalt über, nachdem Sadat kurz vor seiner Ermordung zahlreiche islamistische Aktivisten infolge der Auseinandersetzungen zwischen Islamisten und Kopten im Kairoer Wohnviertel Al Zaouia Al Hamra verhaften ließ. Die Gruppe Jihad ermordete am 6. Oktober 1981 schließlich Sadat selbst. Kurz danach griffen Anhänger der Jihadgruppe Polizeiposten in Assiut an, bevor ihr Aufstand von der ägyptischen Armee niedergeschlagen wurde.

Seitdem ist das islamistische Lager in Ägypten in eine gemäßigte und eine radikale Tendenz gespalten. Beide Tendenzen sind sich in ihrer Forderung nach der Islamisierung des Staates und der strikten Achtung der islamischen Gebote, Verbote und Verhaltensweisen, wie Alkoholverbot, Trennung der Geschlechter...etc, einig. Sie unterscheiden sich aber in den Mitteln, die zur Durchsetzung ihrer Ziele dienen sollen. Die Muslimbrüder mußten seitdem einen Konkurrenzkampf mit den islamistischen Gruppierungen führen. Als charismatische Führungspersönlichkeit der radikalen Islamisten, die sich aus der Gruppe Jihad, der Gamaa Al Islamiia und andere Splittergruppen rekrutieren, gilt seitdem der blinde Scheich Omar Abdul Rahman, der die Fatwa zur Ermordung Sadats erließ. Der 55-jährige Scheich Abdul Rahman emigrierte 1989 in die USA. Von dort setzte er bis zu seiner Verhaftung im Juni vorigen Jahres seinen Kampf gegen das Mubarakregime fort. Die ägyptische Presse hat über die Kontakte des Scheichs mit der CIA während des Afghanistankrieges berichtet. Sie warf den USA vor, Abdul Rahman auf die Rolle eines ägyptischen Khomeinis vorzubereiten. Abdul Rahman, der zuckerkrank ist, wird von den US-Behörden verdächtigt, den Befehl zum Anschlag auf das World Trade Center gegeben zu haben.

VIII. Mubarak und die Islamisten. Von der Politik des Zuckerbrots und der Peitsche bis zur totalen Konfrontation

Bis zum Jahre 1985 führte das ägyptische Regime unter dem Präsidenten Mubarak, der 1981 die Nachfolge Sadats antrat, eine Politik des Zuckerbrots und der Peitsche gegenüber den Islamisten. Die moderaten Muslimbrüder wurden größtenteils in das politische und gesellschaftliche Leben integriert. Sie wurden jedoch nicht als politische Partei zugelassen. Insbesondere konnten sie auf gewerkschaftlichem Gebiet ihre Positionen ausbauen. Gegenüber den Radikalen der Al Gammaa Al Islamija führte der Staat mit Vermittlung der Azhar und der Muslimbrüder einen Dialog mit hauptsächlich inhaftierten Vertretern. Scheich Omar Abdul Rahman wurde freigelassen. Der Staat duldete die Aktivitäten der Islamisten in den Gewerkschaften. Auf der anderen Seite verfolgte das Innenministerium einen harten Kurs gegen die islamistischen Gruppierungen. Ab 1985 vermehrten sich die Konfrontationen zwischen den Fundamentalisten und dem Staat an erster Stelle in Suhag, Minia und Assiut. In den letzten zwei Jahren und insbesondere nach dem zweiten Golfkrieg und dem Erfolg der islamischen Heilsfront FIS in Algerien verstärkte der ägyptische Staat seinen Druck auf die Islamisten. Die Fronten sind seitdem verhärtet. Die Konfrontation mit den Islamisten umfaßt alle Bereiche des ägyptischen politischen und gesellschaftlichen Lebens und findet fast in allen Teilen Ägyptens statt.

IX. Die sozial-ökonomischen Ursachen des Islamismus in Ägypten.

Sozial-ökonomisch gehört Ägypten zu der Gruppe der sogenannten dritten Welt. Mit etwa 60 Millionen Einwohnern und einer Zuwachsrate von etwa 2,3% (1992) ist Ägypten überbevölkert. 96% der 1 Million Quadratmeter Fläche sind Wüste. Das Prokopfeinkommen beträgt 600 US-$. Armut, Auslandsverschuldung (25 Milliarden US-$ im Jahre 1991), Inflation (30% jährlich) und Massenarbeitslosigkeit (2,5 Millionen 1992) bestimmen die sozial-ökonomische Lage. Die Armut wächst von einem Jahr zum anderen. 35% der Bevölkerung sind unterernährt. An der desolaten Lage der ägyptischen Wirtschaft hat der Erlaß der Hälfte der Schulden durch die Gläubigerländer als Belohnung für die ägyptische Teilnahme am zweiten Golfkrieg an der Seite der Alliierten nichts Wesentliches geändert. Als Preis für den Schuldenerlaß mußte die ägyptische Regierung die Bedingungen des internationalen Währungsfonds akzeptiern. Unter dem Druck des internationalen Fonds baut die ägyptische Regierung die Subventionen ab und wird zur Privatisierung des staatlichen Sektors gedrängt. Die Konsequenzen einer solchen Politik tragen die unteren sozialen Schichten und die Lohnempfänger. Die soziale Diparität zwischen den Nutznießern und den Opfern der ägyptischen Wirtschaftspolitik wird immer größer. "Das am 24.6.1992 vom Parlament gebilligte neue Agrargesetz, das praktisch die Annulierung des Gesetzes Nr.178 von 1952 über die Agrarreform bedeutet, soll nach einer Übergangsfrist von fünf Jahren die Rechte des Landeigentümers stärken und den Bodenbesitz dem freien Spiel des Marktes überlassen" (Siehe Nahostjahrbuch 1992 Seite 46). Damit erhöhen sich die sozialen Spannungen auf dem Lande zusätzlich. Der ökonomische Fundamentalismus der Weltbank könnte, wie der ägyptische Publizist Fawzy Mansour schreibt, angesichts des Fehlens anderer Mittel zur Artikulierung der Volksunzufriedenheit zum Sieg des religiösen Fundamentalismus in Ägypten beitragen. (Le Monde diplomatique, September 1992). Was die Armut angeht, so ist sie in den ländlichen mehr als in den städtischen Gebieten verbreitet. Sie ist in Oberägypten (Faijum, Sohag und Assiut) am größten. Dort ist auch der Bildungsstand am niedrigsten. Die gesundheitliche und soziale Versorgung ist mangelhaft, sie existiert so gut wie gar nicht. Die armen Haushalte geben zwischen 57% und 64% ihrer Einkünfte für die Ernährung aus. Der Abbau der Subventionen sowie die Inflation trifft diese Gruppe am härtestens. Die Armut in den Städten ist unter den Lohnemfängern besonders im staatlichen Sektor am größten, während in den ländlichen Gebieten die landlosen Bauern, die Kleinbauern und die Landarbeiter von der Armut betroffen sind. Zwischen 1973 und 1993 ist das reale Durschnittseinkommen im öffentlichen Sektor um 55% gesunken. Betroffen von der Krise sind nicht nur die unteren sozialen Schichten, sondern auch breite Teile des Mittelstandes. Dank der Emigration in die reichen Ölländer konnten in den 70er und 80er Jahren hunderttausende Arbeiter und Akademiker Beschäftigung finden und durch ihre Überweisungen ihre Familien ernähren. Die Lage hat sich aber nach dem zweiten Golfkrieg(1991) radikal verändert. Die hohen Kosten des Golfkrieges, die extrem hohen Ausgaben für Waffenkäufe sowie der Verfall der Ölpreise haben zu einer Rezession in diesen Ländern geführt. Die Rückkehr hunderttausender Gastarbeiter aus den Golfstaaten und aus Irak hat die Lage auf dem Arbeitsmarkt zusätzlich verschlechtert. In den Großstädten Kairo und Alexandria ist angesichts der zunehmenden Landflucht die Lage der armen Schichten extrem schlecht. In den Elendsvierteln Kairos, wie z.B. Schubra und Al Zaouia Al Hamra, Imbaba und in Oberägypten ist der Boden für die Islamisten fruchtbar. Unter den Opfern der Wirtschaftskrise , der Wohnungsnot und des sozialen Elends finden die Argumente der Islamisten gegen den korrupten Staat mehr Gehör. Für diejenigen, die keine Verbesserung ihrer materiellen Lage weder in der Gegenwart noch in nächster Zukunft erhoffen können, wirken die Versprechungen der Islamisten von der Wiederherstellung eines islamischen Staates, in dem Gerechtigkeit und Solidarität zwischen den Gläubigen, herrschen, verlockend.

Die Islamisten haben außer des Protestes gegen die sozialen Ungerechtigkeiten in Ägypten kein Programm zur Lösung der sozial-ökonomischen Krise und darüber hinaus zur Veränderung der Gesellschaft. Ihre Kritik richtet sich gegen die Wirtschaftspolitik des Staates und nicht gegen die Marktwirtschaft. Bekanntlich bejaht der Islam das Privateigentum, fordert aber die Reichen auf, Solidarität mit den Armen zu üben. Die Parteinahme der Islamisten für die Unterpriviligierten bedeutet nicht, daß sie sich ausschließlich aus diesen sozialen Schichten rekrutieren. Die Islamisten werden auch nicht nur von religiösen traditionalistischen Persönlichkeiten geführt. In ihren Reihen sind Studenten, Lehrer, Ärzte und Absolventen von naturwissenschaftlichen Fakultäten aktiv.

X. "Islam des Reichtums"

In seinem Buch "Die Wahrheit und die Illusion in der islamischen gegenwärtigen Bewegung" unterscheidet der ägyptische Schriftsteller Fuad Zakarya zwischen einem Islam des Reichtums, der im Sinne der Legitimierung der sozial-ökonomischen und politischen Verhältnisse interpretiert wird, und einem Islam der Revolution, der solche Verhältnisse in Frage stellt. Die Politik der Wirtschaftsöffnung schuf die Bedingungen für die Entstehung eines vom Islam geprägten Wirtschaftssektors. Ägypten erlebte in den 70er und 80er Jahren einen Boom an Gründungen islamischer Banken und Institutionen, die die Geldgeschäfte mit Beachtung des islamischen Rechts führen. Zins ist im Islam verboten. In mehreren Stellen des Korans, insbesondere in der zweiten Sure (Die Kuh), wird in den Versen das Zinsnehmen als unerlaubt erklärt und der Wucher verabscheut. Die radikalen Gruppierungen berufen sich in ihren jüngsten Drohungen gegen die Banken auf die Verse 278 und 279 der zweiten Sure. Sie lauten:"O ihr, die ihr glaubt, fürchtet Gott und laßt künftig, was an Zinsnehmen anfällt, bleiben, so ihr gläubig seid. Wenn ihr es nicht tut, so erwartet Krieg von Gott und seinem Prophet." (Siehe der Koran, Güterslohen Verlagshaus, Seite 35) Die islamischen Banken schlossen mit ihren Kunden keine Zinsverträge, sondern Gewinnbeteiligungen ab. Damit werden die Kapitalerträge legitimiert. Der ägyptische Staat aber hat bis zum Ende der 80er Jahre den islamischen Sektor in der Wirtschaft gefördert. Die islamische Bank Faisal, die 1977 vom saudischen Prinz Mohammad Al Faisal gegründet wurde, erhielt große Konzessionen von der ägyptischen Regierung. Sie wurde nicht beim Wirtschaftsministerium, sondern beim Ministerium für religiöse Stiftungen (Auqaf) registriert. Durch die Förderung islamischer Banken trachtete die Regierung danach, die Ersparnisse der ägyptischen Gastarbeiter in den Golfstaaten zurückzuführen. Selbst die staatlichen Banken und die Privatbanken eröffneten während dieser Zeit islamische Branchen. Die Islamisierung der Wirtschaft ging zu Lasten des öffentlichen Sektors. Die islamischen Banken und Unternehmen unterschieden sich von den modernen Unternehmen nur formell. Tatsächlich arbeiteten sie nach den gleichen Profitgesetzen. Erst 1988 erließ die ägyptische Regierung das Gesetz Nr. 146, das den islamischen Wirtschaftssektor unter die Kontrolle des Staates stellt.

XI. "Islam der Revolution"

Während die islamischen Banken und Unternehmen sich bemühten, daß diejenigen, die auf der Sonnenseite standen, im Einklang mit dem Islam Gewinne erzielen konnten, engagierten sich Mitglieder der islamischen Gemeinschaften auf sozialem Gebiet. Dieses Engagement ging parallel mit der Konfrontation der Islamisten mit dem Staat. In Oberägypten und in den Elendsvierteln Kairos, wo die staatlichen Institutionen auf sozialem Gebiet vor allem aufgrund von Korruption und Bürokratismus total versagt haben, bauten die Islamisten ein soziales Netz auf. Die Opfer von Armut, Arbeitslosigkeit und sozialem Elend erhielten von den Islamisten nicht nur Versprechungen für die Zukunft, sondern Dienstleistungen, die ihre Ideologie attraktiver machten. Krankenstationen, Schulen, Bibliotheken und andere soziale Einrichtungen waren aktiv, wo der Staat fehlte. In den Universitäten versorgten die Aktivisten die Studenten mit gedruckten Lernmaterialien. Diese Aktivitäten waren von scharfen Angriffen gegen den korrupten Staat und mit der Losung: "Al Islam huwa Al Hal", "Der Islam ist die Lösung" begleitet. Die Al Gamaa Al Islamiia konnte die lokalen, familiären und sozialen Stukturen durchdringen. Sie trat in Konkurrenz mit den traditionellen Eliten auf dem Lande und stellte deren Machtpositionenen in Frage. Ein überzeugendes Beispiel ihrer Überlegenheit gegenüber dem Staat lieferten die Islamisten während des Erdbebens vom 21. Oktober 1992. Das Erdbeben hat nicht nur die aufgrund der Korruption in der ägyptischen Verwaltung mangelhaft gebauten Häuser erschüttert, sondern es hat die Unfähigkeit des ägyptischen Staates gezeigt, den Opfern des Erdbebens schnell zu helfen. Die islamischen Organisationen waren im Gegensatz dazu von den ersten Stunden an an Ort und Stelle. Der ägyptische Staat mußte im Inneren und im Ausland seine Unbeweglichkeit und die Unfähigkeit seiner Organe zugeben.

XII. Die islamistische Gewalt Ursache oder Folge der politischen Krise?

Zwischen der Eskalation der islamistischen Gewalt und der Krise der ägyptischen Politik besteht ein Zusammenhang. Die ägyptische Regierung versucht, diesen Zusammenhang zu leugnen. Deshalb setzt sie bei der Auseinandersetzung mit den Islamisten nur auf Gewalt.

In Ägypten dient genauso wie in vielen anderen islamischen Ländern der Kampf gegen die islamistischen Gruppierungen als ein im Inneren und in der westlichen Welt akzeptiertes Alibi zur Legitimation des herrschenden Regimes und zur Verhinderung der fälligen Demokratisierung. Bisher neigt die demokratische Opposition dazu, das ägyptische Regime als das kleinere Übel im Verhältnis zu den Islamisten zu dulden. Das Mubarak-Regime tritt nach außen als Verfechter des Laizismus und nach innen als Vertreter des wahren Islams in Erscheinung. Es kann aber eine totale Wende machen und sich des Islams bedienen, wenn dies der Aufrechterhaltung seiner Macht dient. Das Erstarken islamistischer Parteien und Gruppierungen wird als Verschwörung einer von islamistischen Regimen (wie Iran oder Sudan) oder ausländischen Geheimdiensten geförderten terroristischen Gruppe dargestellt. Ein Zusammenhang zwischen Wirtschaftskrise, sozialem Elend und Korruption auf der einen Seite und den islamistischen Bewegungen auf der anderen Seite wird vehement bestritten. Der Mangel an Differenziertheit im Verhalten des Regimes des Präsidenten Mubarak gegenüber dem islamistischen politischen Lager erwies sich bisher als ein grober Fehler. Denn dieses Lager ist weder politisch noch organisatorisch homogen. Selbstverständlich treten alle Gruppierungen für einen islamischen Staat und für den Sturz des ägyptischen Regimes ein, jedoch in den Mitteln, die zu diesem Ziel führen sollen, gibt es hinsichtlich der Gewaltanwendung große Unterschiede zwischen den verschiedenen Gruppierungen. Die Gruppierungen, die am meisten für Gewalt eintreten, sind die ehemaligen Afghanistan-Kämpfer, die Gruppe Jihad, die Hisbollah und der militärische Flügel der Gamaa Al Islamiia. Über Struktur, Mitgliederzahl und politische Bedeutung dieser Organisationen gibt es von der offiziellen Seite her keine verläßlichen Angaben. Führer dieser Gruppierungen, wie Scheich Omar Abdul Rahman rufen öffentlich zum heiligen Kampf (Jihad) gegen den ägyptischen Staat auf. Aber gleichzeitig existieren im islamistischen Lager genug Kräfte, die die Gewalt als Mittel der Politik ablehnen. Zu ihnen zählen die Organisation der Muslimbrüder und die Mehrzahl der nichtorganisierten Sympathisanten der radikalen Islamisten. Einige Vertreter dieser Tendenzen strebten Anfang 1993 einen Dialog mit dem ägyptischen Staat an und wollten zwischen ihm und den Extremisten vermitteln. Der ehemalige Innenminister Abdul Halim Mussa entschied sich für diesen Dialog, mußte jedoch am 18. April des vorigen Jahres das Handtuch werfen, nachdem Präsident Mubarak auf die Pläne seines Ministers vehement reagierte. Er begründete seine Ablehnung mit dem Argument, daß der Staat nicht mit Gesetzesbrechern verhandeln dürfe. Aber die wahren Gründe dieser Ablehnung liegen in der Furcht der regierenden Kreise vor den Islamisten im Falle ihrer Legalisierung. Die regierende national-demokratische Partei hat nach Ansicht des ägyptischen Schriftstellers und Nobelpreisträgers Nagib Mahfuz jeden Kontakt mit der ägyptischen Straße verloren. Die Erfahrung Algeriens mit der Zulassung der islamischen Heilsfront, die Ende 1991 in den gestoppten Parlamentswahlen als Siegerin hervorging, scheint die ägyptische Regierung vor einer ähnlichen Gefahr abgeschreckt zu haben. Die Einschränkung der demokratischen Freiheiten und die Aufrechterhaltung des seit 1981 geltenden Ausnahmegesetzes wurden durch neue antidemokratische Gewerkschaftsgesetze ergänzt. Damit wollte die Regierung die Kontrolle der Gewerkschaften durch die Islamisten verhindern. Solch eine Politik trägt bewußt oder unbewußt dazu bei, die Islamisten mehr und mehr zu radikalisieren und das Gewaltpotential in Ägypten zu vergrößern. Dies könnte mittelfristig die Voraussetzungen für die Machtübernahme der Islamisten schaffen.

XIII. Islamistische Gewalt und staatliche Repression

Die islamistische Gewalt entwickelte sich bisher in enger Verbindung mit der Politik des ägyptischen Regimes. Es findet besonders seit zwei Jahren ein regelrechter blutiger Krieg zwischen den islamistischen Gruppierungen und den Sicherheitskräften statt. Der Gewalt der Islamisten und der Gegengewalt des Staates fielen im vorigen Jahr über zweihundert Menschen zum Opfer. Der Staat reagiert auf die Gewalt der Islamisten mit Repressalien, die ihren Höhepunkt mit der Vollstreckung der Todesstrafe gegen Anhänger der Islamisten erreicht haben. Sie erwiesen sich jedoch als nicht geeignet, die politisch motivierte Gewalt in Ägypten zu beenden. Im Visier der Islamisten standen erst Politiker, christliche Kopten und Angehörige der Sicherheitskräfte. Der ägyptische Informationsminister, der Innenminister und der Ministerpräsident selbst entkammen im vorigen Jahr knapp den Mordanschlägen der Fundamentalisten. Die Islamisten planten auch laut Angaben der ägyptischen Regierung die Ermordung des Präsidenten Mubarak. Die größte Zahl der Opfer auf staatlicher Seite ist unter den Angehörigen der Sicherheitskräfte zu beklagen. In Oberägypten und besonders in Assiut finden seit Anfang der 80er Jahre regelrechte Fehden zwischen den Sicherheitskräften und den Islamisten statt. Beide Seiten handeln nach dem Gesetz der Blutrache.

XIV. Kein Platz für die Menschenrechte

In der Konfrontation zwischen den islamistischen Eiferern und den Ordnungshütern ist kein Platz für die Menschenrechte. Ägyptische und internationale Menschenrechtsorganisationen haben in den letzten Jahren die groben Menschenrechtsverletzungen seitens der ägyptischen Behörden und der Islamisten heftig kritisiert. Amnesty International und die ägyptische Menschenrechtsorganisation warfen der ägyptischen Regierung die Inhaftierung von mutmaßlichen Islamisten ohne rechtliche Gründe und Folter zur Erpressung von Aussagen von politischen Gefangenen vor. Die Verschärfung des Strafrechtes, wonach Islamisten vor militärische Gerichte gestellt und von diesen zum Tode verurteilt werden können, hat zu einer Eskalation der Gewalt geführt. Gegen die Urteile eines militärischen Gerichts kann keine Berufung eingelegt werden. Im Falle der Ermordung des Parlamentspräsidenten Mahjoub vor mehr als drei Jahren mußte die ägyptische Justiz Verdächtige freisprechen, nachdem nachgewiesen wurde, daß ihre Aussagen durch Folter erpreßt wurden. Die ägyptische Menschenrechtsorganisation hat zuletzt den Verdacht geäußert, daß die ägyptischen Sicherheitskräfte, vor allem die Antiterrorgruppe, im Monat Februar 10 Islamisten hingerichtet haben. Die willkürlichen Verhaftungen von mutmaßlichen Islamisten haben im letzten Jahr beängstigende Ausmaße erreicht. Ein Vollbart reicht aus, um von der Polizei als ein Anhänger der Gamaa Al Islamiia verdächtigt zu werden.

Auf der anderen Seite haben auch die islamistischen Gruppierungen durch ihre Anschläge gegen Polizisten, Politiker, Touristen und Schriftsteller die Menschenrechte in gröbster Form verletzt. Ihre Behauptung, die Religion allein zu vertreten und ihre Gegner danach zu richten, ist mit der Charta der Menschenrechte unvereinbar.

XV. Islamisten kontra Laizisten

In der Frage der Ablehnung einer Trennung von Staat und Religion herrscht im islamischen Lager Einigkeit. Die islamischen Traditionalisten und die Muslimbrüder unterscheiden sich von den radikalen Anhängern der Gamaa Al Islamiia nur in den Mitteln, die dazu führen sollten. Das laizistische Lager ist auch hinsichtlich dieser Frage und ihrer praktischen Konsequenzen tief gespalten. Zwischen den Positionen der ägyptischen Linken einerseits und den Positionen der bürgerlichen Wafdpartei und der regierenden national-demokratischen Partei andererseits bestehen große Unterschiede. Als radikalste Befürwörter des Laizismus gelten aufgeklärte Schriftsteller. An den Kampagnen gegen Schriftsteller nehmen auch Vertreter der Muslimbrüder und der islamischen Traditionalisten teil.

Seit der Ermordung des ägyptischen Schriftstellers Faraj Fouda am 8. Juni 1992 durch Anhänger der Gruppe Jihad stehen aufgeklärte Intellektuelle auf den Todeslisten der Islamisten. Einen Höhepunkt erreichten die Kampagnen der Islamisten gegen die Meinungsfreiheit im Falle des ägyptischen Publizisten und Universitätsprofessor Nasr Hamed Abu Zaid. Vor Gericht versuchten die Islamisten, die Ehe Abu Zaids zu scheiden. Sie begründeten ihre Forderung mit der angeblichen Apostasie des Schriftstellers. Nach islamischem Recht darf eine Muslimin keinen Ungläubigen heiraten. Das Gericht hat im vergangenen Januar die Anklage der Islamisten nach monatelangen Verhandlungen zurückgewiesen. Daß der Fall überhaupt vor Gericht kam und daß die Kairoer Universität aus den gleichen Gründen den Habilitationsantrag Abu Zaids ablehnte, zeigt, wie groß der Einfluß der Islamisten in der Justiz und im Bildungswesen ist. Im Falle der Ermordung des Schriftstellers Farag Foda hörte am 22. Juni das Gericht Scheich Mohammad Al-Ghazali, der der Azhar-Universität angehörte und Rektor der Universität Constantine in Algerien in den 80er Jahren war, als Zeuge an. Er sagte: "Derjenige, der öffentlich gegen die Durchsetzung der Scharia Gottes spricht, ist ein Ungläubiger, ein Apostat. Es ist eine Pflicht, ihn zu töten." "Den Täter darf man nicht bestrafen". In den Augen Ghazalis handeln aufgeklärte Schriftsteller im Sinne des kulturellen Kolonialismus, der den militärischen Kolonialismus begleite. Der Scheich Ghazali, der den Mord an Foda durch eine Fatwa legitimiert hat, darf in Ägypten weiterhin den Haß predigen.

XVI. Die christlichen Kopten: Sündenböcke in Krisenzeiten und leichtes Angriffsziel für islamische Extremisten

Bei der Strategie der Destabilisierung des ägyptischen Staates durch die Islamisten spielen die Angriffe der Islamisten gegen die Kopten eine zentrale Rolle. Diese Angriffe verlaufen seit den Ereignissen im Wohnbezirk Al Zaouia Alhamra in Kairo unmittelbar vor der Ermordung Sadats im Herbst 1981 nach dem gleichen Schema. Prinzipiell sind die Islamisten gegen die weltliche Verfassung, die die Gleichberechtigung aller Bürger unabhängig von ihrer religiösen Zugehörigkeit garantiert. Die Angriffe gegen die Kopten und das Schüren konfessioneller Konflikte ist im Zusammenhang mit der Ablehnung des Laizismus seitens der Islamisten zu sehen. Die Durchsetzung der Scharia (das islamische Gesetz) im Staat würde eine Ungleichstellung der koptischen Minderheit mit der muslimischen Mehrheit bedeuten. Die Islamisten werfen den Kopten vor, den Moslems ihre Gesetze zu diktieren oder die islamische Religion zu beleidigen und die Moslems zu missionieren. Die Gewalt der Islamisten wurde bisher entweder gegen Personen oder gegen die Kirchen gerichtet. Dabei dienen die Kopten als leichte Angriffsziele, wodurch auf die Legitimität des Staates gezielt wird. Die Konfrontation des ägyptischen Regimes zwischen 1981 und 1985 mit dem koptischen Papst Schenuda war Wasser auf die Mühlen der islamischen Extremisten. Selbst die Muslimbrüder schlugen in dieser Phase antikoptische Töne an. Sie änderten diese Haltung nach der Rückkehr Schenudas. Der geistige Führer der Muslimbrüder besuchte demonstrativ den koptischen Papst.

Die Angriffe der islamischen Extremisten könnten im Falle der Verschärfung der politischen Krise das friedliche Zusammenleben von Moslems und Christen gefährden und zu einer bürgerkriegsähnlichen Situation in Ägypten führen.

XVII. Touristen und ausländische Investoren im Visier der Islamisten

Seit Oktober 1992 sind auch ausländische Touristen das Ziel der Angriffe der Islamisten, die dadurch den Tourismus zum Erliegen bringen und der ägyptischen Wirtschaft hohe Schäden zufügen wollen. Die Deviseneinkünfte des Touristensektors Ägyptens werden auf 3,5 Milliarden Dollar jährlich eingeschätzt. Infolge der islamistischen Anschläge waren Todesopfer und Verletzte unter den ausländischen Touristen zu beklagen. Obwohl die Zahl der Opfer im Vergleich mit vielen von politisch motivierter Gewalt geplagten westlichen Ländern gering geblieben ist, sank die Zahl der Touristen dramatisch. Ursache dafür war die Tatsache, daß die Al Gammaa Al Islamiia ein klares Bekenntnis zu den Anschlägen gab. Erst wollte die Gammaa Al Islamiia touristische Ziele und nicht Touristen treffen, später radikalisierte sie sich. Die Touristen wurden direkt gezielt und aufgefordert, das Land zu verlassen. Die Gammaa Al Islamiia übte dadurch Rache für ihre exekutierten Anhänger. Die Touristen, die sich an erster Stelle für die pharaonischen Stätten und die natürlichen Attraktionen Ägyptens interessieren und den Einheimischen kaum Aufmerksamkeit schenken, sind in den Augen der Fundamentalisten Symbole der westlichen materiellen Überlegenheit. Ihre Reiseziele sind Orte und Monumente vorislamischer Zeit, was in den Augen der Islamisten als Epoche des Unglaubens (Jahiliia) dargestellt wird. Sie demonstieren durch ihre Anwesenheit westliche Lebensformen, die mit den traditionellen islamischen Normen zusammenprallen. Scheich Omar Abdul Rahman beklagte aus seinem US-Exil die Nichtachtung der "ungläubigen und unverschämten Ausländer" gegenüber dem Islam. "Sie trinken Alkohol, tragen kurze Hosen und trägerlose Kleider und tun alle möglichen anderen skandalösen Dinge". (FAZ vom 6.1.1993) Er sagte weiter über die Touristen: "Sie verbreiten Verderbnis und ungesetzliche sexuelle Aktivität, übertragen Aids und andere Krankheiten in unserem Land und versuchen, die Werte des Islams zu zerstören" (ebenda) Die Tatsache, daß die Einnahmen des Tourismus ausschließlich dem Privatsektor und dem in den Augen der Islamisten verhaßten unislamischen Staat zugute kommen, machte den Tourismus zum einfachen Ziel islamistischen Terrors. Für ihre Angriffe gegen die Touristen verwenden die Islamisten religiöse Argumente. So seien die Einnahmen des Tourismus religös verboten (Haram). Seit Anfang des Jahres dehnten die Islamisten ihre Drohungen auf ausländische Investoren und Banken aus. Damit umfaßt die Auseinandersetzung zwischen dem ägyptischen Staat und den Islamisten alle Bereiche des kulturellen, politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens.

Zusammenfassung

Die radikalen islamistischen Gruppierungen handeln nicht im Geiste des Islams, der wie jede Religion von seinen Trägern verschieden interpretiert wird. Diese Gruppierungen versuchen aber, ihr politisches Verhalten und ihre Gewalttaten religiös zu legitimieren. Sie sind nicht die Auslöser der politischen und sozialen Krisen, sondern Ausdruck dieser Krisen. An ihrer Radikalisierung trägt das ägyptische Regime einen wesentlichen Anteil der Verantwortung. Die Islamisten stehen in der jetzigen Phase nicht vor der Machtübernahme. Sie können jedoch, solange keine demokratischen Strukturen in Ägypten existieren und solange die riesigen sozial-ökonomischen Probleme ungelöst bleiben, das große Protestpotential ausnutzen und durch ihre Anschläge den Staat weiterhin destabilisieren und seine inneren Widersprüche vertiefen. Durch seine Entscheidung für die Repression als einziges Mittel zur Begegnung mit den Islamisten und seine Weigerung, das politische Leben zu demokratisieren, läuft das ägyptische Regime Gefahr, alle islamistischen Tendenzen in einer Front zu vereinen. Durch die Aufrechterhaltung des Ausnahmezustandes und die Verletzung der Menschenrechte und der Regeln der Rechtsstaatlichkeit stellt der ägyptische Staat seine Legimität selbst in Frage. Die islamistischen Gruppierungen werden in ihrer Auseinandersetzung mit dem Staat im Vorteil bleiben, solange der ägyptische Staat sich einerseits mit dem islamischen Gesetz legitimiert und andererseits die Forderung der Islamisten nach der Durchsetzung der Scharia des islamischen Gesetzes mit Gewalt verhindert.

(c) Dr. Abdel Mottaleb El Husseini