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Interview mit Saijed Mohammed Hussein Fadllalah

(durchgeführt von Dr. Abdel Mottaleb El Husseini im Jahre 1993)

Frage: Einige westliche Medien haben Sie stets als geistigen Führer der libanesischen Hisbollah (Partei Gottes) bezeichnet. Was meinen Sie dazu?

Fadllalah: Dieser Titel wurde mir von den westlichen Medien aufgezwungen, als sie einen Namen für die Führung der Hisbollah suchten. Sie fanden außer mir innerhalb des revolutionären islamischen Milieus und im Zuge der Konfrontation mit der internationalen Arroganz und mit Israel keinen anderen. Ich habe aber diesem Titel in seinem organisatorischen Sinn nicht zugestimmt. Das bedeutet: Ich bin kein Teil einer Organisation und darüber hinaus kein Teil der organisatorischen Struktur der Hisbollah. Es gibt bei uns im Islam nicht den Begriff des geistigen und materiellen Führers, weil es im Islam keine Trennung zwischen Geist und Materie gibt. Deshalb ist dieser Begriff ein westlicher Begriff, zu dem wir keine Beziehung haben.

Frage: Wie definieren Sie Ihr Verhältnis zur Hisbollah?

Fadllalah: Ich bin ein Mensch, der seit etwa mehr als 40 Jahren im islamischen Milieu tätig ist, und zwar vor der Geburt der Hisbollah, vieler islamischer Organisationen und der islamischen Republik im Iran. Ich gehöre zu denjenigen, die islamisch in der Bedeutung des Islams als Bewegung denken, weil ich glaube, daß der Islam dem Leben eine allgemeine Fassung gibt, um seinen Problemen auf dynamische Weise zu begegnen. Ich glaube, daß der Islam die Basis des Denkens, des Gefühls und des Lebens repräsentiert. Er ist keine bloße Religion, die sich in der Moschee versteckt, um sich durch geistige Emotionen, die in keinerlei Beziehung zur Bewegung des Lebens in ihren Einzelheiten und komplizierten Problemen stehen, zu bewegen. Vor mehr als 34 Jahren habe ich dieses Denken in meinem Buch "Unsere Probleme im Lichte des Islams" formuliert. Ich öffnete mich deshalb den ganzen islamischen Bewegungen der Welt. Ich arbeitete an der Schaffung eines islamischen dynamischen Milieus. Ausgehend davon betrachte ich mich als Vater einer großen islamischen Generation in der arabischen und teilweise islamischen Wirklichkeit. Natürlich konnte die Hisbollah, als sie in Libanon durch die Athmosphäre der von Imam Khomeini geführten islamischen Revolution im Iran geboren wurde, eine islamische, breite und dynamische Bewegung auf der Ebene des Kampfes(Gihhad), der Kultur und der Politik schaffen. Viele, die diese Bewegung starteten, gehörten zu meinen Schülern. Ich kann versichern, daß ich alle islamischen Bewegungen in der ganzen Welt unterstütze. Ich unterstütze die Hisbollah in ihrem Kampf, ihrer Politik und Kultur. Aber ich bin kein Teil ihrer organisatorischen Struktur.

Frage: Wie bewerten Sie die gegenwärtige politische Situation in Libanon in Hinsicht auf das Ghaza-Jericho-Abkommen. Es gibt US-Bemühungen, um ähnliche Schritte auf der libanesischen und syrischen Ebene der Verhandlungen mit Israel zu erzielen. Was halten Sie von den Informationen über einen israelischen Rückzug erst aus der südlibanesischen Stadt Gizin?

Fadllalah: Nach meiner Vorstellung ist das Ghaza-Jericho-Abkommen eine Vereinbarung, die das Ziel hat, die Palästinasache ohne Palästina preiszugeben. Dies hat der Außenminister des Feindes zum Ausdruck gebracht, als er sagte: "Wir haben keine territorialen Zugeständnisse gemacht, sondern wir haben auf einen Auflauf von Menschen verzichtet". Deshalb lehnte sowohl die libanesische als auch die palästinensische Volksmeinung mit ihren verschiedenen nationalen und islamischen Teilen das Abkommen ab, weil es den Palästinensern nichts gibt. Es hat darüberhinaus den Kern des Konfliktes ohne reale Ergebnisse preisgegeben. Natürlich waren die USA diejenige Macht, die durch ihren massiven Druck den Palästinensern das Abkommen aufzwang. Sie haben das Abkommen in den Medien in einer Art und Weise dargestellt, so daß die Menschen dachten, daß die Palästinenser das Beste, was zu erreichen war, erhalten haben. Aber wir wissen, daß die USA sich für Israel als die einzige Option in der Region verpflichtet haben. Wir betrachten dieses Abkommen als Lösung der Probleme Israels und nicht als Lösung des Problems der Palästinenser. Was die Rede über einen israelischen Rückzug erst aus Gizin oder aus einem Teil der Golanhöhen angeht, so sehe ich, daß die politischen Verhältnisse in Libanon und Syrien in dieser Etappe dies nicht zu lassen. Deshalb betrachten wir diese Versuche als ein Umgehen des Konfliktes an Stelle seiner Lösung. Der amerikanisch-israelische Plan spielt damit, innere Probleme für Libanon und Syrien zu schaffen, um ihre Positionen zu schwächen und um damit Forderungen im Interesse Israels zu diktieren. Unser Problem mit den USA besteht gegenwärtig darin, daß die USA mehr israelisch, als die Israelis selbst, sind.

Frage: Wie sehen Sie die Zukunft des islamischen Widerstands in Libanon. Sie sprachen über die Möglichkeit der Schaffung innerer Probleme in Libanon und Syrien? Befürchten Sie, daß der islamische Widerstand liquidiert wird? Ist vielleicht die gewaltsame Auflösung der Demonstration gegen das Ghaza-Jericho-Abkommen am 13. September in Beirut der Anfang gewesen?

Fadllalah: Was die Unterdrückung der Demonstration anbelangt, so glaube ich, daß es sich um ein Geschenk des libanesischen Regimes an erster Stelle an die USA und an zweiter Stelle an Israel handelt. Sie sollte die Fähigkeit der libanesischen Regierung, die oppositionellen Bewegungen gegen das Ghaza-Jericho-Abkommen und die Gegner einer Versöhnung mit Israel zu kontrollieren, demonstrieren. Dies sollte ein Vorschuß sein. Der islamische Widerstand repräsentiert eine islamische Strategie in der Konfrontation mit der internationalen Arroganz, besonders mit der amerikanischen und israelischen. Aber was der islamische Widerstand für die Zukunft plant, wie er sich bewegt und was er für Perspektiven hat, das sind Fragen, über die er glaubt, daß es nicht nützlich ist, im Moment zu sprechen.

Frage: Sie haben einiges über das Ghaza-Jericho-Abkommen gesagt. Können Sie den deutschen Lesern sagen, warum Sie es ablehnen?

Fadllalah: Ich möchte gern die Deutschen fragen, warum sie für die deutsche Einheit waren? Und was hätten sie getan, wenn die Verwirklichung ihrer Einheit den Verlust großer Gebiete Deutschlands im Interesse eines anderen Volkes bedeutet hätte.

Frage: Deutschland verlor Gebiete ...

Fadllalah: Ich möchte die Deutschen fragen, wenn ein anderes Volk mit der Begründung, daß seine Ahnen vor 2000 Jahren in diesem Land lebten, kommt und die Deutschen aus ihrem Land vertreibt. Angenommen, dieses Volk nimmt ihren Platz ein, gründet seinen Staat und verweigert dem vertriebenen Volk die Heimkehr. Wenn es dann zu einer Übereinkunft kommt, in der das vertriebene Volk ein kleines Stück von seiner Heimat bekommt, in dem es weder seine Unabhängigkeit noch seine Souveränität, aber nur die Verwaltung seiner Angelegenheiten besitzt und dies nur unter der Bedingung möglich wäre, daß das deutsche Volk die Souveränität des anderen Volkes, das es vertrieben hat, anerkennt. Wenn alles so wäre, würden die Deutschen dann diese Lösung als human und zivilisiert betrachten? Das Ghaza-Jericho-Abkommen ist wie das geschilderte Beispiel, und noch schlimmer. Deshalb sage ich den Deutschen und den anderen: Euer Problem besteht darin, daß ihr euch nicht in die Situation der anderen hineinversetzt. Ihr denkt deshalb genauso wie Marie Antoinette, als sie sich mit der Demonstration, die Brot verlangte, konfrontiert sah. Sie sagte: Gebt ihnen Keckse!

Frage: Sie haben während ihrer letzten Freitagspredigt gesagt: "Wir können nicht die israelische Existenz in Palästina als rechtmäßig anerkennen, weil das islamische Denken und das islamische Recht dies ablehnen". Bedeutet dies, daß sie den Staat Israel beseitigen wollen? Ist dies möglich?

Fadllalah: Wenn wir diese Frage beantworten wollen, dann stellen wir die Frage, woher sind alle diese Juden gekommen. Sind sie die Bewohner Palästinas? Sie haben die Mehrheit der Palästinenser vertrieben und den übrigen nicht erlaubt, einen Staat zu errichten. Sie wollen allein rechtmäßig sein. Wir sagen: Mögen die vertriebenen Palästinser nach Palästina und die Juden, die aus verschiedenen Ländern kamen, heimkehren und die einheimischen palästinsischen Juden, Moslems und Christen sich über die Regierung, die sie wünschen, einigen. Dann werden wir diese Lösung akzeptieren. Wir glauben, daß der Zeitablauf nicht die Wahrheit verändert. Die Wahrheit besteht darin, daß Palästina nicht menschenleer war. Aber es wurde von seinem Volk leer gemacht, damit ein anderes Volk kommt. Diesem kann keine Klausel der Menschenrechte zustimmen, wenn wir sie weit weg von der Rassentrennung zwischen Arabern und Juden interpretieren. Es ist nicht wichtig, ob wir unser Ziel in der Gegenwart erreichen. Die Juden konnten auch 2000 Jahre ihre Ziele in Palästina nicht erreichen, Sie haben nicht aufgegeben und erreicht, was sie wollten. Warum sollen wir nicht an unser Endziel denken. Wir sind im Recht und wenn die Gegenwart uns einengt, so bedeutet das nicht, daß die Zukunft das gleiche tun wird.

Frage: Machen Sie einen Unterschied zwischen Israel als Staat und dem Judentum als Religion?

Fadllalah: Wir erkennen das Judentum als Religion an und respektieren es aus tiefster Seele. Wir betrachten Moses - friede sei mit ihm - als unseren Propheten. Wir glauben, daß die Thora eine heilige Schrift ist. Für uns sind die Juden Schriftbesitzende, genauso wie die Christen. Wir sind nicht die Feinde der Juden als religiöses Volk und des Judentums als Religion. Wir sind gegen das Betreiben der Juden, wenn sie die Menschen unterdrücken, wir sind gegen das Betreiben der Unterdrückung durch die Christen, und wir sind gegen das Betreiben der Unterdrückung durch die Moslems, selbst wenn der Unterdrücker ein Moslem und der Unterdrückte Nichtmoslem wäre. Wenn einige Leute über den Antisemitismus sprechen und jeden, der Israel gegenübersteht, als Antisemit steinigen, dann sagen wir: Wir sind Semiten, und die Juden sagen, daß wir Vetter sind. Ist es uns möglich, antisemitisch zu sein? Ist es einem Mensch möglich, sich selbst feindlich zu sein?

Frage: Sie haben in den letzten Jahren zum Dialog zwischen dem Christentum sowie den anders Denkenden aufgerufen. Wie wir wissen haben Sie bisher den Dialog mit den Juden ausgenommen, obwohl diese, wie sie bereits sagten, Schriftbesitzende sind?

Fadllalah: Wir klammern den Dialog mit dem Judentum als Religion und mit den Juden als Angehörige dieser Religion nicht aus. Aber wir führen keinen Dialog mit Israel, weil wir es als illegitime Existenz betrachten. Warum soll ich nicht den Dialog mit den Juden führen, wenn ich den Dialog mit den Atheisten führe.

Frage: Einige westliche Medien setzen den Islam mit den fundamentalistischen Bewegungen gleich. Sie stellen den Islam als Religion, die zur Gewalt aufruft und die Toleranz ablehnt dar, was meinen Sie dazu? Wie erklären Sie den Begriff des Gihads, der in den Medien als heiliger Krieg übersetzt wird?

Fadllalah: Diese Frage hat zwei Aspekte. Der erste Aspekt ist die Agitation des Westens in der Frage der Gewalt. Was repräsentieren der erste und der zweite Weltkrieg? Was stellt die auf Hiroshima abgeworfene Atombombe dar? Das Problem besteht darin, daß der Westen die Gewalt negativ beurteilt, wenn sie nicht in seinem Interesse ist. Wenn die Gewalt in seinem Interesse ist, dann wird sie als positiv, als zivilisiert dargestellt. Die Islamisten wenden Gewalt gegen das ägyptische Regime an, das ihnen wieder mit Gewalt begegnet. Warum spricht der Westen nicht über die Gewaltanwendung des Regimes und nur über die der Islamisten?

Der zweite Aspekt ist die Frage des Gihads als heiliger Krieg. In der Tat stellt der Gihad im Islam eine Bewegung des Entgegentretens einer fremden Aggression dar. Er hat eine präventive und verteidigende Funktion. Deshalb unterscheidet sich der Krieg im Islam nicht von den Kriegen in der Geschichte der Zivilisationen. Er kann heilig durch die Heiligkeit der Selbstverteidigung des Menschen sein. Der Krieg kann nicht heilig durch das Verlangen, andere zu beseitigen, und durch Aggression gegen den anderen sein.

Frage: Sie sind einer der bedeutendsten Vertreter des Islams und zugleich ein Dichter. Was meinen Sie zur Rechtsprechung (Fatwa), wonach der Verfasser der satanischen Verse Salman Rushdie ermordert werden soll? Was meinen Sie zur Freiheit der Kunst im Islam und welche Grenzen setzen Sie dafür?

Fadllalah: Diese Fatwa hat keine Verbindung mit der Freiheit des Denkens. Ich verstehe die Freiheit des Denkens als die Möglichkeit, ein anderes Denken in seinen Einzelheiten zu diskutieren und abzulehnen. Was Salman Rushdie getan hat, war eine Beleidigung der Menschen, als er ihre Heiligtümer beleidigte. Es gibt einen Unterschied zwischen der Diskution mit dem Denken des Propheten Mohammed und seiner Beschimpfung. Jeder Mensch hat das Recht, frei zu denken und dem anderen Denken zu begegnen unter der Bedingung, daß dies auf wissenschaftlicher und sachlicher Ebene bleibt. Der Westen hat diese Frage ausgenutzt, um einen Kreuzzug gegen den Islam zu beginnen. Die Fatwa war eine Reaktion auf diesen Krieg, der gegen den Islam geschürt wurde. Sie war keine Fatwa, weil jemand abtrünnig geworden ist. Es gibt viele Abtrünnige in den islamischen Ländern, gegen die keine vergleichbare strenge und scharfe Fatwa erlassen wurde. Es handelt sich in dieser Frage um die Verteidigung des Islam. Unsere Verbundenheit mit unseren Heiligtümern geht über unsere Verbundenheit mit unserem Vaterland. Ich kann nicht demjenigen, der sich gegen die Heiligtümer vergeht, mit einem Lächeln begegnen, genauso wie demjenigen, der dem Vaterland schadet.

(c) Dr. Abdel Mottaleb El Husseini