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"Wir leben in Käfigen"

Als palästinensischer BBC-Korrespondent im Westjordanland lebt er mit der täglichen Gefahr, erschossen zu werden: Der Journalist Aref Hijjawi über Gewissenskonflikte, Medien zwischen den Fronten und die Kontakte zu israelischen Kollegen

Dreißig Journalisten sind seit Beginn der aktuellen Unruhen in Nahost Ende September durch Schüsse der israelischen Armee verletzt worden - allein 21 davon waren palästinensische Pressevertreter, wie die Organisation Reporter ohne Grenzen berichtet. Der palästinensische Journalist Aref Hijjawi lebt in Ramallah im Westjordanland und arbeitet als Korrespondent für das arabische Programm der britischen BBC. Die taz sprach mit Hijjawi in Köln, wo er sich derzeit auf Einladung der Böll-Stiftung aufhält.

taz: Wie ist die Situation der palästinensischen Presse zur Zeit? Kann sie frei und unabhängig berichten?

Aref Hijjawi: Unter den gegenwärtigen Bedingungen der Abriegelung der palästinensischen Gebiete durch Israel ist es für Journalisten extrem schwer, über die Ereignisse zu berichten. Wir leben in Käfigen. Manche Kollegen müssen von einem Ort zum anderen zu Fuß gehen und manchmal bergiges Gelände überwinden. Vor dem Ausbruch der Intifada (dem palästinensischen Aufstand, d. Red.) brauchte ich mit dem Auto 50 Minuten für die Strecke zwischen Nablus und Ramallah (etwa 60 Kilometer, d. Red.). Jetzt brauche ich mehr als drei Stunden. Diese Bedingungen erschweren die Arbeit der Journalisten.

Ist die Sicherheit Ihrer Kollegen garantiert?

Journalisten, besonders Kameraleute, sind im Visier der israelischen Soldaten. Sie werden vorsätzlich angegriffen. Wir haben den Tod eines Kollegen zu beklagen. Viele Journalisten wurden bisher verletzt. Der Kameramann des Fernsehsenders Asch-schark in Ramallah wurde während der Ausübung seines Berufes bisher sechzehnmal verletzt. Mit eigenen Augen konnte ich die Narben an seinem Körper sehen. Die Akkreditierung der Journalisten, die wie ich für die ausländische Presse arbeiten, wurde seit Beginn der Intifada von der israelischen Armee zurückgezogen. Wir haben keine Pressekarten mehr, um uns frei zu bewegen oder um nicht tätlich angegriffen oder beleidigt zu werden.

Der Ausgang des Konfliktes zwischen Israelis und Palästinensern wird unter anderem an den Bildschirmen entschieden. Ist die israelische und die palästinensische Berichterstattung eine Fortsetzung der gewalttätigen Auseinandersetzungen mit anderen Mitteln?

Das ist nicht meine Vorstellung von der Arbeit eines Journalisten. Viele Kollegen sind wie ich der Ansicht, dass der Journalismus ein Beruf wie jeder andere ist. Wir müssen über alle Ereignisse berichten, auch wenn ein Palästinenser eine rechtswidrige und von der internationalen Gemeinschaft abgelehnte Tat verübt. Das ist meine persönliche Meinung. Aber es gibt eine palästinensische Kampfpresse, die Massen mobilisiert und sich als Teil des Kampfes versteht. Ich glaube nicht an diese Art der Presse. Und ich praktiziere sie nicht.

Kann unter den Bedingungen der Konfrontation zwischen Israelis und Palästinensern die Presse objektiv und unparteiisch berichten?

Das ist sehr schwierig, besonders für die einheimischen Journalisten. Für mich ist es einfach, unparteiisch zu arbeiten, da ich für einen ausländischen Sender berichte, der um Objektivität und Differenziertheit bemüht ist. Ich kann meine Gefühle beiseite lassen. Aber wenn man sich in einem Kriegszustand befindet, in dem es Unterdrücker und Unterdrückte gibt, muss man ein adäquates Bild reflektieren. Das bringt mich in Schwierigkeit, vor allem wenn ich über die Leiden des palästinensischen Volkes berichten muss, ohne das Prinzip der Ausgewogenheit in der Berichterstattung zu verletzen. Manchmal muss ich die Redaktion der BBC überzeugen, dass ich unparteiisch bleibe, auch wenn ich über ein bombardiertes Dorf, die Zerstörung von Häusern durch israelische Panzer oder über Übergriffe von Siedlern auf Palästinenser berichte.

Behindert die palästinensische Autonomiebehörde die Arbeit von Journalisten?

In den Anfangsjahren der palästinensischen Autonomie gab es Fälle der Behinderung von Journalisten, die registriert wurden. Die Autonomiebehörde konnte weder die Rolle der Presse verstehen noch mit ihr koexistieren. Die Lage hat sich jetzt verbessert, allerdings nicht grundsätzlich. Seit Beginn der Intifada geht die Kritik an die Autonomiebehörde zurück.

Gibt es noch Verbindungen zwischen palästinensischen und israelischen Journalisten?

Die ohnehin schwachen Verbindungen zwischen der palästinensischen und israelischen Presse sind sehr selten geworden. Seit September gibt es eine Polarisierung auf beiden Seiten. Die israelische Presse, die der westlichen Presse hinsichtlich ihrer Unabhängigkeit ähnlich war, leidet unter einem Rechtsruck. Sie verbreitet hauptsächlich Klischees. Sie ist eine Presse der Dritten Welt geworden. Die palästinensische Presse war und ist eine Presse der Dritten Welt. Sie ist parteiisch und will die andere Seite nicht wahrnehmen. Das ist sehr schlecht. Vor zwei Monaten gab es aufgrund einer Initiative des palästinensischen Informationsministers Jassir Abd Rabo ein Treffen mit zehn israelischen Journalisten in Ramallah. Die Gespräche waren freundschaftlich und ernst. Ich würde mir mehr solche Begegnungen wünschen. Aber die Ereignisse erschweren das.

Ist der Friedensprozess zwischen Palästinensern und Israelis noch zu retten?

Das Zögern aller israelischen Regierungen, die Autonomiebehörde zu zerschlagen, zeigt, dass für die Israelis die Existenz der palästinensischen Autonomieorgane besser als ihr Verschwinden ist. Ich sage deshalb, der Friedensprozess ist noch nicht am Ende.

INTERVIEW: ABDEL MOTTALEB EL HUSSEINI

taz Nr. 6509 vom 30.7.2001, Seite 12, 186 Zeilen (Interview), ABDEL MOTTALEB EL HUSSEINI

(c) Dr. Abdel Mottaleb El Husseini