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Palästina im Spiegel deuter Pilger, Reisender und Orientforscher vom Mittelalter bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts (I)

(Dr. Abdel Mottaleb El Husseini, 1. Oktober 1989, Zeitschrift "Palästina")

Nirgendwo hat die geographische Lage eines Landes seine geschichtliche Entwicklung so stark geprägt wie in Palästina. Das Land bildet ein Brücke zwischen Asien und Afrika und war für die Beherrschung der gesamten nahöstlichen Region für jede Macht unverzichtbar. Seine Bedeutung für den Welthandel war bis zur Entdeckung der Seewege um das Kap der Guten Hoffnung im 15. Jahrhundert außerordentlich groß. Dies hat dazu beigetragen, daß Palästina, seitdem es von Menschen besiedelt wurde, einerseits zum Eroberungsziel fast aller Mächte der alten und neuen Zeit und andererseits zum Schmelzpunkt der Zivilisationen wurde.

Die Eroberungswellen reichen bis hinein in die Gegenwart. Die Heere der Eroberer kamen von nah und fern, aus aller Herren Länder und unter den verschiedensten Vorwänden. Aber alle waren sich einig über die Vorzüge Palästinas, und alle einte ein Ziel, die Beherrschung Palästinas.

Im religiösen Mantel

Die allmähliche Verwandlung palästinas über die Jahrhunderte in ein Zentrum aller drei monotheistischen Weltreligionen, Judentum, Christen und Islam, hat dazu beführt, daß die Herrschaftsansprüche fast aller fremden Mächte stets im religiösen Gewand in Erscheinung traten. Mit der Verbreitung des Christentums auf dem europäischen Kontinent und seinem Aufstieg zur Staatsreligion des Römischen Reiches im 4. Jahrhundert n.u.Z. durch Kaiser Konstantin ist Palästina Anziehungspunkt frommer christlicher europäischer Pilger geworden.

Das europäische Bild von palästina, seinen zahlreichen Ortschaften und seinen Bewohnern, war im Mittelalter von der biblischen Überlieferung und den Erzählungen der wenigen Pilger geprägt. Palästina war deshalb im Bewußtsein des Abendlandes nicht ein Land wie jedes andere. Es war das Heilige Land, in dessen Beschreibung die Grenzen zwischen Wahrheit und religiöser Phantasie schwer zu ziehen waren. Doch bevor die Christianisierung Europas ihre Vollendung erreichte, fiel das Heilige Land im 7. Jahrhundert in die Hände der "Sarazenen" (Bezeichnung der Araber), der "Heiden". Die Entstehung des Islams auf der arabischen Halbinsel und seine raschen Eroberungen, die weite Teile der byzantinischen Reiches umfaßten und bis zur iberischen Haltinsel reichten, versetzten das Abendland in Angst und Schrecken.

Islam, Kreuzzüge und Pilgerfahrten

Die Entstehung des arabisch-islamischen Reiches wurde von Anfang an als Bedrohung wahrgenommen. Die o.g. Ereignisse wurden von einem burgundischen Christen als Raubzug eines wilden Volkes geschildert. So hätten die Sarazenen die Provinzen des Reiches verwüstet. Und "nachdem sie Jerusalem eingenommen und andere Städte überrannt hatten, drangen sie in Ober- und Unterägypten ein, eroberten und plünderten Alexandria, vernichteten ganz Afrika und ergriffen die Herrschaft" (1). Mit der Eroberung Jerusalems im jahre 637 durch die arabischen Muslime, die eine gewisse Religionsfreiheit für Christen und Juden von vornherein einräumten und die Heiligen Stätten unter ihren Schutz stellten, änderte sich die Bedeutung des Heiligen Landes. Es wurde nach und nach von einem Pilgerort zu einem Ort der Konfrontation zweier verfeindeter Welter, die sich in Religion und Politik erheblich unterschieden. Die Befreiung Jerusalems und des Grabes Christi aus den Händen der "Heiden" spielte bekanntlich eine entscheidende Rolle im politischen und religiösen Leben des christlichen Europas und erreichte ihren Höhepunkt in den Kreuzzügen vom 11. bis zum Ende des 13. Jahrhunderts.

Die Kreuzzüge ermöglichten und erzwangen die ersten intensiven Begegnungen des Abendlandes mit dem Morgenland, wobei Palästina eine zentrale Rolle einnahm. Das Bedürfnis nach Information über den Feind, seine Religion und seine Untertanen wuchs angesichts des o.g. Sachverhalts zusehends. Im Mittelpunkt des Interesses stand die Person des Propheten Mohammed.

Die damals verbreiteten Ansichten über den Propheten waren nicht nur von Feindseligkeit und Polemik beladen, sondern auch vom Bedürfnis des europäischen Publikums nach fabelhaften und exotischen Erzählungen. So hieß es, Mohammed sei der "Hauptgötze" der Muslime. Er habe durch Zauberei die Kirche im Orient zerstört und "seinen Erfolg dadurch gefestigt, daß er sexuelle Promiskuität zuließ" (2). Die Zahl seiner Anhänger wurde nach deutschen Angaben im 13. Jahrhundert auf 700 geschätzt. Die Auseinandersetzung mit dem Islam und seiner "Irrlehre" sollte auch dazu dienen, den christlichen Glauben in Europa zu stärken und die Einheit der Kirche zu wahren. Diese polemische Betrachtungsweise auf religiösem Gebiet war von einer Hochschätzung der Leistungen des islamischen Morgenlandes auf den Gebieten der Wissenschaft, vor allem der Medizin und der Philosophie, begleitet. Durch die Handelsbeziehungen wurde auch das Bild vom reichen und luxuriösen Orient vermittelt. Die schwierige und vielseitige Thematik der Entwicklung des Bildes der islamischen Welt im Bewußtsein des christlichen Abendlandes kann im Rahmen dieses Beitrages nicht weiterverfolgt werden.

Beschwerliche Pilgerreisen

Auf dem Hintergrund dieses gesamthistorischen Zusammenhanges bildete sich die Volksmeinung über den Orient im mittelalterlichen Europa und nicht zuletzt eben auch die Ansichten der deutschen Pilger über das Heilige Land, seine Bewohner und Beherrscher. Denn ohne vorheriges Wissen unternahm kein Pilger die beschwerliche Reise nach Palästina.

Aufgrund des Studiums der Bibel erwarteten viele, das Land zu kennen. Ihre Reise galt der Geschichte der Heiligen Stätten, nicht der damaligen Gegenwart Palästinas. Edward Said hat in seiner Arbeit "Orientalismus" diese historische Tatsache so ausgedrückt: "Alle Pilgerfahrten nach dem Orient durchquerten biblisches Land oder mußten es durchqueren." (3) Dies galt nicht nur für die Pilger des Mittelalters, sondern für Wallfahrten überhaupt.

Nach den Kreuzzügen ruhte die Pilgerfahrt für einen kurzen Zeitraum. Nach Angaben von Titos Tobler betrug die Zahl der europäischen Pilger, die das Heilige Land in jener Zeit besuchten, gerade mal 300. "Obgleich damals die Kirche die Pilterreisen bis über Zypern hinaus und auch den Handelsverkehr mit den Muslimen verbot, so unternahm dennoch schon im 14. Jahrhhundert eine nicht geringe Zahl frommer Christen, auch diplomatischer Agenten und Kaufleute, die beschwerliche Reise übers Meer." (4) Die Reisevorbereitungen der deutschen Pilger in dieser Zeit waren oft nicht einfacher als die Reise selbst, denn das Reiseland befand sich in Händen des Feindes.

Erlaubnis vom Papst

So "mußte zunächst jeder einzelne die Erlaubnis vom Papst oder von eigens dazu ermächtigten Prälaten erwirken" (5). Danach mußten die Geldmittel für die Reise aufgebracht werden. Wer sie nicht besaß, vermietete sich als Diener oder Kaplan bei wohlhabenden Pilgern. Das Studium von Reiseführern und Pilgerbüchern diente ebenfalls der Borbereitung der Reise. "Bis zum 17. Jahrhundert war auch eien gewisse Pilgeruniform üblich. Man ließ den Bart wachsen, heftete auf die graue, durch einen Gürtel zusammengefaßte Kutte oder auf den schweren Schultermantel ein rotes, bisweilen auch das fünffache Kreuz von Jerusalem; ein anderes zierte den breiten dunklen Filzhut über der Stirn. Man versah sich mit dem Pilgerstab sowie mit einem paternoster und nahm einen Sack mit Lebensmitteln in die Hand. Nach dem Genuß des heiligen Abendmahles verließ man die Heimat, von Tränen und herzlichen Glückwünschen der Angehörigen und Freunde geleitet, die dem Scheidenden auch wohl den Johannnissegen mit auf den Weg gaben." (6)

Als Versammlungsort der deutschen Pilger diente Venedig. Dafür stand das "Deutsche Haus" zur Verfügung. Dort wurden die letzten Vorbereitungen für die Reise getroffen. Danach bestiegen die Pilger feierlich das Schiff in Richtung des Heiligen Landes. "Neben den lateinischen Hymnen 'Salve Regina' und 'Te Deum' waren es besonders deutsche Lieder, die sowohl bei der Abfahrt in Venedig als auch bei der Ankunft in Jaffa gesungen zu werden pflegten." (7) Die Reise dauerte gewöhnlich zwischen sechs und acht Wochen. Während dieser zeit brachen des öfteren Krankheiten an Bord aus. Es kam häufig zu Zank und Streit zwischen den sich aus verschiedenen Nationen rekrutierenden Pilgern. Die Angst vor Piratenüberfällen erschwerte die Reise noch zusätzlich. Deshalb war, wie ein deutsches Sprichwort sagte, "eine Wallfahrt keine Wohlfahrt".

Bruder Fabri

Eine interessante und originale Beschreibung der Erlebnisse und Eindrücke eines deutschen Pilgers im Mittelalter hinterließ der Ulmer Dominikanermönch Felix Fabri. Er unternahm zwei Wallfahrten ins Heilige Land, eine im Jahre 1480, die andere 1483. Er schilderte seine Ankunft mit dem Schiff vor der Stadt Jaffa, wo die Pilger am 2. Juli 1483 vor der Küste auf die Erlaubnis der Behörden zur Landung warteten, folgendermaßen:

"Aber am 4. Juli kam ein großer Zug von Heiden und schlugen auf ihre Zelten an Land gegen unseren Schiffen über". Am fünften Tag vergrößerte sich die zahl der "Heiden". Ihre Anwesenheit löste Angst und Unruhe unter den Pilger aus, "denn die heidnischen Herren von Jerusalem und Rama mit aller Macht da lagen". Als die Patronen das Schiff mit ihren Geschenken verließen, bei den "Heiden" landeten und sich über die Situation erkundigten, "da sagten die Heiden, es wäre Unfriede im Lande und lief das Land voll Araber herüber, und möchten uns nicht nach Jerusalem bringen und durch das Land mit Frieden, denn mit Macht und Gewalt". (8) Felix Fabri verwendete, wie im Mittelalter üblich, den Ausdruck Heiden für die Bewohner Palästinas. Als Araber galten für ihn nur die Beduinen, die über Jahrhunderte bei den europäischen Pilgern am meisten gefürchtet waren. Es gibt kaum einen Reisebericht, der die überfälle der Beduinen nicht erwähnte. Doch kehren wir zu Bruder Felix Fabri zurück. Nach einer Wartezeit von fünf Tagen und erst nach Ankunft des Trutzelmannes (Dolmetscher), der zugleich "Geleitsmann" vom Franziskanerkloster in Jerusalem war, konnten die Pilger an Land gehen. Man machte sie darauf aufmerksam, sich "benehmlich und friedfertig unter den Heiden" zu verhalten.

Einreiseformalitäten

Mit Freude und Begeisterung betraten sie das Heilige Land. Diese spannenden Momente hat Felix Fabri so beschrieben: Kaum daß sie den ersten Schritt auf das Land setzten, "da fielen wir nieder an die Knie und Antlitz und küßten das heilige Erdrich mit großem Ernst und Andacht" (9).

Die Einreiseformalitäten wurden kurz darauf von älteren "heidnischen Herren", die graue Bärte trugen und auf Teppichen saßen, erledigt. Die Pilger wurden mit Namen und Vornamen registriert, wie Schafe gezählt und in einem alten Gewölbe untergebracht. über die beschwerlichen Bedingungen des Aufenthalts in Jaffa sagt Bruder Fabri: "Als wir uns hatten gesetzt in dem Gewölbe, da kamen die Heiden und brachten uns Brot und Wasser zu kaufen, und da wir also saßen und aßen, da kam eni grimmer Heide mit einem Kolben und zwang uns alle mit Gewalt, daß ihm ein jeglicher mußt einen Venediger-Pfennig geben für die elende Herberg, die doch nicht sein war. Morgens frühe alsbald der Tag anbrach, da kam derselbe Schelm mit dem Kolben und stellte sich vor die Türlein und wollte keinen Pilgrim hinauslassen, daß er die Werke der Natur könnte tun, Wasserlassen oder Bauchleeren, man gäbe ihm denn einen Pfennig." (10)

Die Beschwerden der Pilger waren nicht nur gegen die schlechte Behandlung seitens der "Heiden" gerichtet, sondern sie umfaßten auch die Reiseveranstalter, die sog. Patronen. Felix Fabri beklagte sich auch über den Begleiter vom Franziskanerkloster: "Und die Schmach verdroß uns nicht als Übel an den Heiden, als an unseren Patron und an Goudian von Jerusalem, die wohl für die schmachlichen Schatzung gewesen." Die Pilger fuhren durch die Stadt Jaffa, die zu der Zeit zerstört war, und er zeigte ihnen "die niedergefallenen alten dicken Mauern von Häusern und Türmen" (11).

Freundschaft mit dem Eselsknecht

Auf der Reise von Jaffa nach Jerusalem lernten die pilger ihre einheimischen Begleiter näher kennen. Es kam auch zu freundschaftlichen Begegnungen zwischen deutschen Pilgern und Einwohnern von Palästina. Das Verhältnis zwischen Gästen und Einheimischen war nicht immer von Mißverständnissen geprägt. So erzählt uns Felix Fabri über sein Wiedersehen mit einem ehemaligen Begleiter: "Und da man uns rufte, da schlupften wir aus dem Loch mit unseren Bettelsäcken und gingen über die Felsen alle hin an eine Weite am Meer, da standen die Eselsknechte mit den Eseln, und zu allem Glück fand ich meinen Eselsknecht, der mich geführt hatte, daß ich fast froh war und er mein auch, und fiel ihm um den Hals und er mir auch, als so zwei gute Freunde finden." (12)

Durch den direkten Kontakt wurden Ängste auf beiden Seiten abgebaut. Man entdeckte ja, daß es auch gute Menschen unter den "Heiden" gab. Das fremde Aussehen dürfte kein Hindernis dafür sein. Das hat Felix Fabri klar ausgedrückt. Er schrieb über seine geschilderte Begegnung mit dem Begleiter weiter:

"Also gab er mir ein ausbündigen guten Esel und führte mich freundlich, als er mir vor denn auch hatte getan; denn er gar ein milder guter Mensch war, den ich nicht fürchte, ich tat was ich wollte, wiewohl er schwarz und grausamlich war von Angesicht und Gestalt." (13)

Diese wenigen positiven Erfahrungen und Eindrücke sollen nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Berichte der Pilger voller Klagen über die schlechten Bedingungen während ihres Aufenthaltes in Palästina waren. Doch geschah dies nicht immer ohne Grund, wie der Orientforscher Carsten Niebuhr während seines Aufenhalts in Jerusalem Mitte des 18. Jahrhunderts feststellte. Die übertriebenen Erzählungen von Mißhandlungen christlicher Geistlicher und Pilger seitens der Araber sollten "mehr Almosen nach Jerusalem" (14) bringen.

Lichtblicke im finsteren Mittelalter

Die Eindrücke, die guten und schlechten Erfahrungen europäischen und deutscher PIlger haben das Bild un die Vorstellung des deutschen Mittelalters vom Heiligen Land und von seinen Bewohnern weitgehend beherrscht. Obwohl sich diese Pilger wie ihre späteren Nachfolger auch eher für die biblische Geschichte Palästinas interessierten als für die Erkundung seiner damaligen Gegenwart, haben ihre Berichte das Wissen über Palästina erweitert und bereichert.

Die Tatsache, daß dieses Wissen über das Morgenland von den Vorurteilen und Feindbildern der Kreuzzüge geprägt war und dem geistigen Niveau des Mittelalters entsprach, ändert nichts an der großen Bedeutung dieser Kenntnisse. Die frommen Pilger im Heiligen Land waren Zeugen und Subjekte der Begegnungen zweier Weltern, die durch die Barriere der Religion und der kriegerischen Auseinandersetzungen getrennt waren. In dieser Funktion ist ihnen keiner gefolgt, bis die ersten Forschungsreisenden in den Orient aufbrachen, wie der deutsche Orientwissenschaftler Carsten Niebuhr im 18. Jahrhundert.

Der nächste Beitrag in dieser Reihe wird die Entwicklung der deutschen Palästinaforschung von der Renaissance bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts zum Gegenstand haben.

Anmerkungen

(1) Maxime Rodinson: Die Faszination des Islams, München 1985, S. 18

(2) Ebenda, S. 26.

(3) Edward Said: Orientalismus, Frankfurt 1981, S. 191.

(4) Palästina in Wort und Bild, Hrsg.: Hermann Gute und Georg Ebers, Stuttgart/Leipzig 1882, Bd. 2., S. 150.

(5)/(6) Ebenda

(7) Ebenda, S. 151

(8)/(9)/(10)/(11)/(12)/(13) Ebenda

(14) Carsten Niebuhr: Entdeckung im Orient. Reise nach Arabien und andere Länder 1761-1763, Tübingen 1975, S. 215.

(c) Dr. Abdel Mottaleb El Husseini