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Palästina im Spiegel deutscher Pilger, Reisender und Orientforscher vom Mittelalter bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts (IV)

Abdul Mottaleb Husseini

Der vorige Teil dieser Artikelreihe war der Entwicklung der deutschen Palästinaforschung am Anfang des 19. Jahrhunderts, vor allem unter dem Einfluß des Vorstoßes Napoleons nach Ägypten und Palästina in den Jahren 1798-1799 gewidmet. Dabei wurde der Aufschwung der Orientforschung in Europa im Zusammenhang mit den wachsenden Bedürfnissen der Kolonialpolitik nach mehr Wissen über die natürlichen, sozialen und kulturellen Gegebenheiten des Orients in der oben genannten Phase analysiert. Die Besonderheiten der deutschen Orientforschung, die sich bis zur 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts unabhängig von der Existenz deutscher Kolonialambitionen in der Levante entfalten konnte, wurden beachtet. Weiterhin wurde der Lebensweg des deutschen Reisenden und Orientforschers Ulrich Jasper Seetzen (1767-1811) nachgezeichnet und seine Verdienste bei der wissenschaftlichen Erforschung Arabiens und Palästinas zu Beginn des 19. Jahrhunderts gewürdigt. In diesem Beitrag werden wir Seetzen, wie angekündigt, auf einigen Stationen seiner Palästinareisen, nämlich Jerusalem, Hebron (Al-Chalil), Akka und Nablus, im Zeitraum von April 1806 bis März 1807 begleiten.

Die vorliegenden ausgewählten Texte sind den Tagebüchern Seetzens, die während seines Palästinaaufenthaltes entstanden und 1854 in Berlin veröffentlicht wurden, entnommen (1). Die Wahl der Auszüge sollte es dem Leser ermöglichen, soviel wie möglich von allen Seiten des wirtschaftlichen, religiösen, politischen und kulturellen Lebens in Palästina zu Beginn des vorigen Jahrhunderts zu erfahren. Außerdem sollten die Betrachtungsweise und die Begegnungen eines deutschen Orientforschers mit Palästina und seinen Bewohnern dargestellt werden.

Jerusalem

Die Zahl der Einwohner wurde mir auf folgende Art angegeben, allein ich zweifle an der Richtigkeit dieser Angabe, indem sie mir zu niedrig scheint, und andere mir die Einwohnerzahl im Ganzen auf 12.000 angaben. Jerusalem war also der einzige Ort, den ich kannte, den ich sah, wo man mir die Volkszahl beträchtlich niedriger angab, als sie in der Tat sein dürfte (2).

1. Mohammedaner 4.000 Seelen

2. Juden 2.000 Seelen

3. Griechische Christen 1.400 Seelen

4. Katholiken 800 Seelen

5. Armenier 500 Seelen

6. Kopten 50 Seelen

7. Abyssiner 13 Seelen

8. Syrer 11 Seelen

Summe: 8.774 Seelen

Fabriken und Gewerbe

Jerusalems Einwohner treiben unterschiedliche Fabriken und Gewerbe, welche jetzt den Besuchen der Pilger ihre Fortdauer verdanken. Es sind hier vier große Seifensiedereien, welche ein gutes Fabrikat liefern und welches daher teils durch Pilger, teils durch Kaufleute in andere, oft weit entfernte Provinzen verführt wird. An Öl fehlt es in dieser Gegend nicht, und die Soda wird von den Beduinen aus der Gegend des toten Meeres in Menge hierher geführt.

Eine Kattundruckerei beschäftigt etwa 20 Arbeiter, die alle Christen sind. Man bedient sich bloß der blauen Farbe. Neben der Kirche des heiligen Grabes ist eine ansehnliche Saffianfabrik, wo Saffian von allen Farben bereitet wird, welcher einen Artikel des Ausfuhrs abgibt. Es sind dort etwa 20 Meister und ebensoviele Gesellen beschäftigt, die alle Mohammedaner sind.

Manche Einwohner sind mit der Bereitung von weißen Baumwollgeweben, imgleichen von gestreiften Zeugen zu Matratzen beschäftigt. Auch irdenes Geschirr wird hier in hinreichender Menge verfertigt. Pfeifenköpfe werden in großer Menge und von vorzüglicher Güte bereitet, wodurch etwa 50 Christen und 20 Mohammedaner beschäftigt werden. Man verfertigt zweierlei Arten, die in Hinsicht ihrer Güte verschieden sind. Die eine geringere Art bereitet man aus einem Ton, den man von Kastal, einem Dörfchen am Wege nach Ramle bringt; zu der besseren aber läßt man den Ton von Beirut bringen. Um dem Pfeifenton eine größere Stärke zu geben, mischt man ihm Raszucht bei, welches caleiniertes Kupfer sein soll. Um ihnen eine rötere Farbe zu geben, setzt man ihnen Mughra, eine Art Röthel, zu, und die Politur gibt man den Köpfen endlich durch Kurrbahan und Asbahan. Die Pilgrime vergessen gewöhnlich nicht, eine kleine Anzahl davon in ihre Heimat mitzunehmen.

Fünfzig Meister, alle Christen, sind Rosenkranz-Drechsler, wozu sie teils Perlen-Mutterschalen, teils Knochen, teils etliche Arten harter Samen benutzen. Dreißig Christen bereiten Kreuze aus Perlenmutterschalen, Knochen, usw. Die hiesigen Silber- und Goldschmiede sind alle Christen, und ihre Zahl beläuft sich im Ganzen auf etwa 50. Mehrere von ihnen bringen einen Teil des Jahres in benachbarten Orten zu wie Karrak, el Salt, usw. Auch etwa 20 Schmiede sind Christen, welches gleichfalls von zwei Uhrmachern gilt. Ein Kopte und ein Jude beschäftigen sich mit der Buchbinder-Kunst, haben aber wenig Arbeit und wenig Geschicklichkeit. Sowohl hier als auch in Betlehem werden viele Wachslichter verfertigt, womit größtenteils dem Bedürfnisse der hiesigen Klöster, Moscheen und Synagogen abgeholfen wird. Die beiden fränkischen Klöster erhalten indessen diesen Artikel aus Italien. Jerusalem zählt 15 Roßmüller, fünf öffentliche Bäder, 20 bis 25 Kaffeehäuser, 30 Barbierstuben und 25 Backöfen.

Festung, Straßen und Häuser

Die hiesige Festung ist klein; sie liegt neben dem Tor von Hebron (Bab el Chalil), und die Stadtmauer dient ihr auf der Außenseite zur gemeinschaftlichen Mauer. Innerhalb ist sie durch einen trockenen ausgemauerten Graben von der vorbeigehenden Gasse getrennt, wo eine Zugbrücke in dieselbe führt. Beim Eingang sind ein paar Kanonen aufgepflanzt. Ein Aga liegt nebst etlichen Soldaten zur Wache darin. Der Turm einer darin befindlichen Moschee wurde vor einem Dutzend Jahren vom Blitze getroffen, und sein oberes Ende zertrümmert. Also auch diese heilige Stadt ist für die schrecklichen Wirkungen der Naturkräfte nicht gesichert, obgleich die frommen Christen ernstlich versichern, daß ein solcher Fall nie die Kirche zum heiligen Grab traf, noch je treffen wird.

Vorstädte sind nicht vorhanden, sondern alle Häuser liegen in dem Umfange der Stadtmauer. Einige wenige Hauptstraßen sind ziemlich gerade, und haben ein erträgliches Pflaster. Allein bei weitem der größte Teil der Gassen ist ohne Pflaster, eng, winklig, krumm und schmutzig. Schon an den Hauptstraßen sieht man mehrere vernachlässigte und zum Teil eingefallene Gebäude und Wohnhäuser; in den übrigen Quartieren aber findet man weit mehr Schutt und Trümmer liegen, welche zum Teil mit elenden Häusern, die Dorfhäusern gleichen, und vernachlässigten Gärten bedeckt sind. Wäre Jerusalem durchaus bebaut, so müßte die Volksmenge bedeutend sein, da ich eine Stunde weniger acht Minuten brauchte, um die Stadt zu umgehen. Bedeutende öffentliche Plätze sind in Jerusalem nicht vorhanden; denn die Plätze vor der Festung und vor dem Eingange zur Grabkirche sind ihrer Kleinheit wegen zu unbedeutend, und der schöne große Platz, welcher El Harram umgibt, und der zu den schönsten im Osmanischen Reich gehört, verdient aus dem Grunde nicht den Namen eines öffentlichen Platzes, weil Christen und Juden ihn bei Lebensstrafe nicht betreten dürfen. Neben dem Harram steht eine hohe Dattelpalme, und sonst findet man hie und da eine, indessen kann ihre Zahl höchsten ein halbes Dutzend betragen (3).

Hebron (Al-Chalil)

Der alte Name dieser Stadt, den die Europäer beibehalten haben, ist in Syrien und Palästina so ganz außer Gebrauch gekommen, daß ihn nur höchstens Christen und Juden aus ihren heiligen Schriften kennen. Der jetzt gebräuchliche Name ist Chalil, und diese Bezeichnung rührt von Abraham her, dessen Grab in der Hauptmoschee vorhanden sein soll, und welchen die Mohammedaner Chalil Allah (Allahs Freund) nennen.

Hebron ist eine ganz offene Stadt und in der Länge teils an dem abhängigen Fusse eines Berges, teils in dem kleinen Tale erbaut. Seine Hauptquartiere sind unter den Namen Haret el Schech, Haret el Ketun, Haret el Kalla, und Haret el Ksasy bekannt. Letzteres erhält seinen Namen von den Glasfabriken, welche in demselben befindlich sind. Bei der Stadt sind viele Ölbäume.

Das Schloss liegt in dem oberen Teil des Schlossquartiers Haret el Kalla, ist klein und hat so wenig in- als auswendig etwas Merkwürdiges, wie mir mein Wirt versicherte. Es war mir nicht erlaubt, in dasselbe zu gehen. Gleich daran stößt die Hauptmoschee el Harram (das Heiligtum), welche wegen Abrahams Grab bei den Mohammedanern in außerordentlicher Achtung steht und wohin sie aus weit entfernten Ländern wallfahrten. (...) Vorhin reisten die christlichen Pilger auch nach Hebron, allein dies ist schon seit langen Jahren nicht mehr in Gebrauch. In dem Schlossquartier findet man die Basare; sie sind weder groß noch schön, aber ich fand sie ziemlich lebhaft.

Quartiere, Fabriken, Einwohner

In dem Glasquartier, Haret el Ksasy, fand ich vier Glasöfen zu grünen Gläsern, 12 zu Armringen und 10 zu Korallen. Es arbeiten bei jedem Ofen vier bis neun Leute, wovon viele kleine Knaben sind. Den Sand dazu holt man zwei Stunden weit von hier; die Soda von den Beduinen. Das Tausend weiße Korallen kostete jetzt anderthalb Piaster oder 60 Para, woraus man sieht, daß die Fabrikate sehr wohlfeil sind. Man verfertigt hier Korallen und Armringe von weißer, gelber, schwarzer, blauer, grüner, brauner und roter Farbe. Der Fritte setzt man Blei und Zinn zu. In einer der Glashütten, worin Gläser verfertigt werden, blies einer der Arbeiter ein großes, sehr dünnes Glas, welches er vor mir zerplatzen ließ. Da dies eine Art von Ehrenbezeugung ist, so mußte dieselbe mit einem kleinen Trinkgelde erwidert werden. Außer dem Glase bereitet man in Hebron auch Seife.

Auch hier wohnen die Juden in einem Quartier beisammen, welches, so wie gewöhnlich, sehr enge Winkelgässchen hat. Sie sind Talmudisten und ihre Anzahl beträgt 55 bis 60 Familien. Unter sich sprechen sie spanisch, mit anderen Religionsparteien aber arabisch. Ich traf indessen einen an, welcher ein schlechtes Deutsch sprach, welches er auf Wanderungen durch Deutschland erlernt hatte. Auch Holland und mehrere europäische Länder durchreiste er, wahrscheinlich als Betteljude, wenigstens schienen seine Vermögensumstände nichts weniger als glänzend zu sein. Die Juden haben einen Schech, welcher seine Nation vertritt.

Die Einwohnerzahl von Hebron dürfte sich auf etwa 5.000 Seelen belaufen. Die Stadt hat kein anderes Wasser als das, was sie aus zwei Teichen erhält, welche beide mit Quadersteinen ausgemauert sind. Einer von ihnen ist besonders ansehnlich und bildet ein längliches Viereck. Quellwasser ist hier gar nicht vorhanden, und die Teiche werden bloß mit Regenwasser angefüllt. In der Nähe der Stadt findet man eine verfallene Moschee, el arbaín Schehid genannt, welche bei den Mohammedanern in großer Achtung steht.

Die älteste Stadt?

Hebron gehört zu den ältesten Städten in Palästina, und nach den hebräischen Schriften wurde es sieben Jahre vor Soan (Assuan) in Oberägypten erbaut (4.B.Moses 13, 23), dessen Gründungszeit sich indessen im Dunkel der Zeit verliert. Ich sah hier eine zahme junge Gazelle (Antilope doreas L.), deren sehr kurzer Schwanz schwarz war, auf welchem die Haare oben einen scharfen Rücken bildeten. (...)

Die Einwohner von Hebron brachten vorhin ihre Handelsprodukte, die für Ägypten bestimmt waren, gewöhnlich nach Gasa, wo sie zur Rückfracht sich die nötigen ägyptischen Produkte kauften. Seit dem Einfall der Franzosen in Ägypten lernen sie aber einen neuen Handelsweg geradezu durch die Wüste nach Sues kennen, wohin jetzt jährlich mehrere kleine Karawanen abgehen. Die süd- und südostwärts von Hebron umherziehenden Beduinen liefern die Kamele zum Transport, und es bringt daher deren Interesse es mit sich, daß sie für die Sicherheit der übersandten und zurück mit sich nehmenden Waren sorgen (4).

Akka - Kulturelles Leben

Da diese Stadt, ihres geringen Umfangs wegen ungeachtet, als Sitz eines Paschas immer einiges Militär hat und dies keine andere Beschäftigung hat, als bei den Kaffeehäusern zu sitzen und die Vorbeigehenden anzusehen, so fehlt es auch hier nicht an solchen Leuten, welche sich durch die Belustigung des Publikums ihren Unterhalt verschaffen. So sah ich hier während meinem Aufenthalte in Akka mehrmals Tänzer von Damaskus, Ringer und Fechter, Possenreißer, die eine plumpe Farce spielten, Erzähler usw., welche die Anwesenden auf öffentlicher Gasse einige Stunden zu unterhalten suchen. Possenreißer sollen gewöhnlich Kopten sein. Ihre Gesellschaft besteht meistenteils nur aus zwei oder drei Personen, wovon immer einer ein Knabe ist. Die Hauptsache ihrer Kunst besteht darin, daß der eine den Tölpel macht, welcher sich durch sein Betragen eine Menge derber Ohrfeigen zuzieht, die um so mehr Beifall finden, je mehr sie klatschen. Des abends ist überdies vor einem oder dem anderen Kaffeehause Musik, welche von einem oder ein paar, gewöhnlich ägyptischen, Sängern und etlichen Musikanten besorgt wird. Ich brachte des abends gewöhnlich eine Stunde bei einem stark besuchten Kaffeehause zu, um dieser Musik mit beizuwohnen, und ich muß gestehen, daß ich nach und nach wirklich Geschmack daran fand. Die Sänger wechseln mit Volksliedern (Ganniye, Maual/Geheul, Wehklage), die man mit französischen Quatreins oder italienischen Stanzen vergleichen könnte, und mit Schoggl, einer Art von besseren Liedern, die man Sonetten oder kleine Gedichte nennen könnte, ab. Diese und die Volkslieder haben für europäische Ohren gefälligere Melodien, als die Maual, die mit einer furchtbaren Anstrengung und oft gezogener und trillernder Stimme mehr geschrien als gesungen werden und die daher öfters den Sängern Brüche zuziehen sollen. Sie sind reich an Wortspielen und Spitzfindigkeiten; es ist gewöhnlich, daß dieser und jener Anwesende verlangt, daß der Sänger für ihn oder einen ihm bekannten anwesenden Fremden ein Maual singe, da dann der Sänger nicht unterläßt, ein solches zu wählen, welches etwas Schmeichelhaftes für denjenigen, dem er es singt, enthält, wofür man ihm eine oder mehrere Para schenkt. Der Gegenstand der Lieder betrifft gewöhnlich die Liebe, bisweilen auch neuere Vorfälle, indem fast jede, etwas merkwürdige historische oder jede lächerliche Begebenheit Veranlassung zu einem neuen Liede gibt.

Ballade von Beni Hilal

Die Musik besteht gewöhnlich aus einer oder zwei Violinen, einem Hackebrett, einem Tambour de Basque und einem Paar kleinen Pauken (el Nackarat), um den Takt anzugeben. Seltener hört man eine Derwischflöte, oder ein anderes brummendes Rohrinstrument, welches man mit unserem Fagott vergleichen könnte, oder auch die schneidenden Töne einer Schalmei. Mehrmals ließ sich auch ein arabischer Bänkelsänger hören, welcher einzelne Stücke aus der Geschichte des Beni Hilal absang und seinen Gesang mit der Erbabe (Rababeh) oder arabischen einsaitigen Geige begleitet. Diese aus mehreren Bänden bestehende Geschichte ist fast ganz in Versen abgefaßt und gehört in ganz Syrien, Palästina, Arabien und Ägypten zu den bekanntesten und beliebtesten Erzählungen, und es gibt vielleicht keinen Beduinen, Bauern oder Städter, der nicht mehrere oder wenigere Fragmente davon auswendig wüßte. Die Geschichte des Beni Hilal ist ein großes Heldengedicht, dessen Versmaß dem Wohlklange des Hexameter nahekommt und diese noch insofern übertrifft, daß diese Verse sich mit einem Reime enden, der, welches einen Beweis von dem auffallenden Reichtum der arabischen Sprache abgeben dürfte, oft mehrere Seiten der nämliche bleibt. Ich hatte sehr häufig Gelegenheit, sie von Bauern oder Beduinen deklamieren zu hören, und ich muß gestehen, daß der liebliche Kadenz der Verse mir sehr viel Vergnügen machte. Man sieht aus dieser Geschichte von Beni Hilal, wie es möglich war, daß sich einst unter den Griechen Homers herrliche Dichtungen erhielten. Denn mit der Odyssee dürfte man jenes historische Gedicht am ersten vergleichen können.

Nablus

Nablus, vormals Neapolis oder Flavia Neapolis, liegt in einem engen Tale zwischen zwei hohen steilseitigen Bergen, welche in den hebräischen Schriften unter dem Namen von Ebal und Garisim bekannt sind und zu den berühmtesten Bergen in ganz Palästina gehören. Die jetzigen Samariter nennen sich nur Ar Ebal oder Ar Garisim; den übrigen Einwohnern aber sind diese Namen unbekannt, und sie benennen sich nach ihrer Lage in Bezug auf die Stadt, den Ebal nämlich Dschebel schemalije oder den nördlichen und den Garisim Dschebel kibliye, den südlichen Berg. Die Samariter nennen den Garisim gewöhnlich el Thur, eine Benennung, womit mehrere vorzügliche berühmte Berge vorzugsweise bezeichnet werden, z.B. der Tabor, der Ölberg, der Sinai.

Nablus liegt an dem abhängigen Fusse des Garisim und hat daher einige Gassen, die eine starke Neigung haben. Den Garisim erblickt man aus allen Häusern der Stadt; seiner Steilheit unerachtet hat der Fleiß der Einwohner ihn auf der Seite der Stadt ziemlich fruchtbar gemacht, und man sieht bis auf zwei Drittel seiner Höhe ziemlich viele Ölbäume und Gärten daran. Weiter nach oben ist er nur sparsam mit ersterem bewachsen. Über den Gärten ragt eine hohe Felsenwand an demselben hervor, worin unterschiedliche Grotten sind.

Der Ebal ist weit weniger bepflanzt, weil er etwas weiter von der Stadt liegt, nicht so reich an Quellen und nackter und felsiger ist als jener. Indessen stehen unten an seinem Fußhange viele Ölbäume und indische Feigen.

Das Gepräge der Stadt

Die Stadt hat mehrere ziemlich gerade Gassen, welche von Osten nach Westen ihrer ganzen Länge nach laufen und durch Querstrassen miteinander in Verbindung stehen. Von ihnen ist indessen nur eine vorzüglich lebhaft, welche sich von dem westlichen bis zum östlichen Tore erstreckt und auf beiden Seiten Kaufläden hat. Die Gassen sind durchgängig eng und haben in der Mitte eine breite tiefe Rinne, welche in dieser Jahreszeit gewöhnlich sehr unrein und kotig ist. Auf beiden Seiten der Rinne ist ein erhöhter, nur ein paar Fuß breiter Pfad, wo man häufig durch die Hin- und Hergehenden aufgehalten wird und bisweilen kaum hinlänglichen Raum hat, um den Ballen der beladenen Kamele oder den mit Holz und Gesträuchen beladenen Eseln, die in der Vertiefung gehen, auszuweichen. Die Häuser haben über dem untern gewölbten Erdgeschosse gewöhnlich ein Stockwerk, selten zwei. Manche Gewölbe sind ein paar Fuß tiefer als das Straßenpflaster, und in solchen arbeiten meistenteils die Kattunweber, welches für ihre Gesundheit ohne Zweifel nachteilige Wirkungen hervorbringen muß. Die Unreinlichkeit der Gassen ist die bloße Folge einer schlechten Polizei, indem die abhängige Lage der Stadt und genügsames fließendes Wasser eine große Reinlichkeit möglich machte.

Die Häuser sind mehrerenteils aus Quadersteinen gebaut und haben entweder platte Dächer oder flache Kuppeln. In der ganzen Stadt habe ich keine einzige Glasscheibe bemerkt.

Nablus hat fünf Moscheen mit Türmen und etwa 15 mohammedanische Bethäuser ohne dieselben. Es gibt hier vier Chane, wovon aber einer so sehr verfallen ist, daß er unbewohnt steht. Ferner gibt es hier 13 Kaffeehäuser, wovon aber zwei leerstehen, und fünf öffentliche Bäder. Man findet in dieser Stadt nichts Merkwürdiges von alter Architektur. Nur an der Türe der Hauptmoschee bemerkte ich auf jeder Seite drei korinthische Marmorsäulen, aber von mittelmäßiger Arbeit und klein. Auch im Hofe der Moschee sah ich etliche Säulen, die einen bedeckten Gang unterstützten, sicher aber von einem anderen Gebäude herrührten. Diese Moschee scheint eine christliche Kirche gewesen zu sein. In der Hauptstraße fand ich ein Ende einer starken schönen Säule von rotem ägyptischen Granit. Die Kaufläden scheinen mit allen Notwendigkeiten wohl versehen zu sein. Die Zeughändler haben ihre Läden in einer gewölbten ansehnlichen Halle neben dem Chan el Sultan. (...)

Um eine bestimmte Idee von der Größe dieser Stadt zu geben, muß ich bemerken, daß ich die Länge derselben 850 und ihre Breite 520 meiner Schritte fand und daß ich ihre Einwohnerzahl auf 8.000 Seelen schätze. Die Nabluser verdienen das Lob, daß sie sich gegen Fremde sehr gut betragen.

In Nablus fand keine Taxe der zu verkaufenden Lebensmittel statt, und ein jeder verkauft und kauft, so gut er es versteht. Ich halte diese Einrichtung für das allgemeine Wohl weit besser, als die in Akka, wo alles taxiert ist. Warum will man durch solchen Zwang die Industrie im Keim ersticken und die menschliche Freiheit unnötig beschränken? (6)

Fabriken und Handwerk

Man bereitet in Nablus viel Seife, wozu man das Öl von dem benachbarten Gebirge, die Soda aber von den Beduinen erhält. Von Seide wird ein schmales, schwarzes Zeug gewebt, welches el schinbar heißt und von den Weibspersonen um den Kopf geschlagen wird. Außerdem bereitet man eine Art dicker grober Wollzeuge, welche Bus oder Buscht Nabulszy genannt werden und eine Art schwerer Abbaya mit langen Ärmeln sind, deren sich Bauern und Beduinen zur Winterkleidung bedienen und wovon das Stück bis 15 Piaster kostet; ferner große, wollene Filze, kleine rotbunte Tücher, hareschije genannt, welche Bauern und Beduinen dieser Gegend zur Kopfbinde benutzen. Weißes gemeines Baumwollzeug wird hier in sehr großer Menge verfertigt, und die Bereitung der Baumwolle durch Klopfen und Spinnen sowie das Weben und der nachherige Verkauf des Fabrikats macht einen Hauptnahrungszweig der hiesigen Einwohner aus, und man versicherte mir, es seien hier an 400 Weberstühle damit beschäftigt.

Man bedient sich dieses Baumwollenzeuges in allen den Fällen, wo man bei uns sich der Leinwand bedient. Vier Christen sind mit dem Bleichen dieser Zeuge beschäftigt. Ein Armenier bereitet Pfeifenköpfe.

Zu den merkwürdigsten hiesigen Fabriken gehören drei, wo Schläuche aller Art bereitet werden und welche Kuchane el Kurrab (Schlauchfabriken) heißen. Die ansehnlichste davon liegt vor dem Tore von Dschenin. Ich fand dort in einer Werkstatt ein halbes Dutzend Leute mit dem Nähen der Schläuche beschäftigt, welche alle aus ganzen unverstümmelten Häuten von schwarzen Ziegen bestehen, denen man selbst die Haare läßt, ausgenommen am Halse, wo man sie etwas abschert. Über die fernere Bereitung derselben erhielt ich folgende Nachricht.

Wenn die Schläuche genäht sind, so werden sie mit armdicken oder etwas stärkeren Enden von der Wurzel der Steineiche ausgestopft, und die noch übrig bleibenden Lücken mit der zu einem groben Pulver zerstoßenen Rinde von der männlichen Wurzel ausgefüllt. So angefüllt, legt man sie reihenweise nebeneinander auf einem ebenen Platze, der gleichfalls mit Lohe bedeckt ist, und gießt durch die Mündung ein braunes, adstringizendes Extrakt, welches in einigen ausgemauerten viereckigen Gruben befindlich und gleichfalls aus gemahlener Eichenlohe zubereitet wird. Da die Feuchtigkeit nach einiger Zeit verdunstet, so werden sie zur Sommerzeit täglich, im Herbst und Winter aber nur alle zwei Tage nachgefüllt, während dem das Eichenholz immer darin bleibt. Damit die Sonne sie nicht ungleich und auf einer Seite zu stark austrockne oder einschrumpfe, so werden sie täglich einmal umgekehrt und aufgeblasen, bei welcher Arbeit ich auch ein halb Dutzend Leute beschäftigt fand.

Ich zählte hier mehr als 1.000 auf diese Art ausgestopfter Schläuche, welche, da man die Häute, das halbe Bein und den Hals gelassen, einen besonders auffallenden und komischen Anblick gewährten. Die Zeit, die man auf die Bereitung eines Schlauches verwendet, beträgt fast ein halbes Jahr, da er dann, je nachdem man ihn in Acht nimmt und viel oder weniger braucht, ein Jahr oder etwas länger dauert. Die Schläuche, die man hier verfertigt, sind alle Wasserschläuche. Man hatte in diesem Jahr 4.000 Stück für die Mekka-Karawane auf Kosten des Paschas von Damaskus verfertigt, welcher aber das Stück nur mit anderthalb Piaster bezahlte, womit die Fabrikanten sehr unzufrieden waren. Die gewöhnlichen Ziegenfelle kosten für wenig im Ankauf, vorzüglich große aber bis fünf Piaster, wovon indes der Fabrikant den fertigen Schlauch zu 14 bis 15 Piaster verkauft, statt daß er für die Kleinen nur fünf Piaster erhält (7).

Anmerkungen

1. Siehe: Ulrich Jasper Seetzen, Reisen durch Syrien, Palästina, Phönizien, die Transjordan-Länder, Arabia Petraea und Unter-Ägypten, Berlin 1854, Bd. II

2. Ebenda, S. 18; 3. Ebenda, S. 21ff; 4. Ebenda, S. 78ff; 5. Ebenda S. 170ff; 7. Ebenda, S. 175f

(c) Dr. Abdel Mottaleb El Husseini