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Kommentar

Kampf um den Schleier oder verschleierter politischer Kampf?

von Abdel Mottaleb El Husseini

Das Bundesverfassungsgericht wird in den kommenden Wochen entscheiden, ob islamische Lehrerinnen mit Kopftuch an deutschen Schulen unterrichten dürfen. Das zu erwartende Urteil kann bestenfalls den Konflikt zwischen Befürwortern und Gegnern des islamischen Schleiers juristisch lösen und die aufgeregten Geister zeitweise beruhigen. Ein Ende des politischen Streites über das Tragen islamischer Symbole in Deutschland ist infolgedessen jedoch nicht zu erwarten. Denn es geht hier um eine uralte innere islamische Auseinandersetzung und um das Ausleben des religiösen Lebens der Muslime in einer nichtislamischen Gesellschaft zugleich. Der Schleier spaltet nicht nur Deutsche und Muslime, sondern vor allem die Muslime selbst. Gerade in dieser Frage unterschieden sich stets weltoffene Liberale und reaktionäre Kräfte in der islamischen Welt von einander. Die Tatsache, dass es im Koran keinen klaren Text gibt, der den Frauen den Schleier vorschreibt, hat dazu beigetragen, das öffentliche Auftreten der Frau zu politisieren. Das Fehlen von Demokratie in der islamischen Welt, die entweder von mittelalterlichen Monarchien oder von Diktaturen regiert wird, erreicht seinen Höhepunkt in der Diskriminierung der Frau. Ob die Frau den Schleier trägt oder ablegt, entscheiden allein die Herrscher. Die einen berufen sich auf die Religion, die anderen auf einen scheinbaren Laizismus. Dieser Zustand ist durch die islamische Emigration in den Westen hineingetragen worden.

In Deutschland verbergen sich hinter dem Schleierstreit zugleich politische Auseinandersetzungen um den Inhalt der Integration. An vorderster Stelle stehen sich Vertreter der konservativen islamischen Vereine und ein Bündnis von deutschen Konservativen und Linken gegenüber. Beide Gruppen versuchen, ihre Haltung mit der Demokratie zu rechtfertigen. Die Vertreter der islamischen Seite betrachten das Kopftuchtragen als von der Verfassung garantiertes Recht. Sie vergessen aber, dass dieser Akt im Namen der Tradition und Religion den Mädchen und Frauen vorgeschrieben wird. Nur in Ausnahmefällen ist das Kopftuchtragen die freie individuelle Entscheidung. Feresta Ludin ist die Ausnahme und nicht die Regel. Sie kann und darf als Individuum für sich entscheiden. Sie repräsentiert aber nicht alle islamischen Frauen, vor allem nicht diejenigen, die unter der religiös begründeten Diskriminierung leiden. In der deutschen Öffentlichkeit müssen die Gegner des Schleiers auf der islamischen Seite stärker zu Wort kommen. Ihre bisher passive Haltung stärkt faktisch die Position der Konservativen.

Auf der anderen Seite ist die radikale Opposition der deutschen Gegner des Schleiers unverhältnismäßig. Die Angst, dass das Kopftuch von Frau Ludin zu einem Modetrend in deutschen Schulen oder zur Gefährdung des politischen Systems in Deutschland führen wird, ist einfach lächerlich. Die Bildungsministerin von Baden-Württemberg kann nicht das Kopftuchtragen nur in Zusammenhang mit dem radikalen Islamismus bringen. Eine solche Sichtweise ist undifferenziert und falsch. Sie verbirgt eine Vorstellung der Integration, die das Anderssein unmöglich macht. Eine solche Haltung stärkt die Abkapselung der Muslime von der deutschen Gesellschaft, weil sie selektiv die islamischen Symbole aus den öffentlichen Schulen verbannen will. Auch die Intervention von Alice Schwarzer im Spiegel 26/2003 ist pauschal und polemisch. Sie ist der Ausdruck eines primitiven Kulturimperialismus, der seine zu befreienden Objekte faktisch entmündigt.

Der Streit um das Kopftuchtragen muss konsequent, aber behutsam ausgetragen werden. Seine innerislamische Komponente muss hervorgehoben werden, damit diese wichtige Frage entideologisiert wird. Das zu erwartende Urteil des Bundesverfassungsgericht sollte der Anfang, und nicht das Ende der Debatte sein.

(c) Dr. Abdel Mottaleb El Husseini