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IM NAHEN OSTEN WIRD AUF ABSEHBARE ZEIT DIE GEWALT REGIEREN

Kein Saladin und kein de Gaulle

Das Morgenland befindet sich in einem hoffnungslosen Zustand. Die einfachen, ideologischen Erklärungen und das politische Handeln führen nur zu Hass, Verwüstung und Tod. Das ist die erste bittere Erkenntnis nach dem letzten mörderischen Anschlag in Jerusalem.

Die zweite Erkenntnis ist: Gegenwärtig herrscht zwischen den Israelis und Palästinensern, zwischen Unterdrückern und Unterdrückten, eine Pattsituation. Die Israelis können die Intifada nicht zerschlagen und die Palästinenser nicht die Besatzer vertreiben. Die israelische Regierung der nationalen Einheit und ihre Wähler tragen die Hauptverantwortung für das Blutvergießen und vor allem für das Fortbestehen des Konfliktes mit den Palästinensern. Israel, das über die politische und militärische Unterstützung der USA verfügt, verhält sich unter der Führung von Ariel Scharon in Palästina und in der ganzen Region als koloniale Macht. Diese Politik negiert die nationalen Interessen der Palästinenser und setzt nur auf militärische Macht. Die wahllose Ermordung palästinensischer Aktivisten aus allen politischen Lagern und die kollektive Bestrafung der Palästinser für die Anschläge von Dschihad und Hamas haben dazu beigetragen, dass unter den Palästinensern eine antiisraelische nationale Allianz entstanden ist. Eine Beruhigung der Lage wird so unmöglich. Folglich bleibt die Gewalt als Ersatz für die Politik.

Dies, so die dritte Erkenntnis, schwächt erheblich den politischen Einfluss von Arafat unter den Palästinensern. Das Scheitern des Friedensprozesses hat auch für die palästinensische Führung, die noch nicht einmal die Entsendung internationaler Beobachter in die besetzten Gebiete erreichen konnte, seinen Preis. Die israelische Politik, die gern Arafat die Rolle des Kollaborateurs für die Besatzung aufzwingen will, ebnet den Weg für eine palästinensische Führung, die die Intifada konsequent auch mit militärischen Mitteln bis zum israelischen Abzug aus den besetzten Gebieten fortsetzen will. Die Besatzung des Orienthauses durch die israelische Armee beschleunigt diesen Prozess.

Die Palästinenser können momentan keinen neuen Saladin, der ihr Land von der israelischen Besatzung befreien kann, herbeizaubern. Auf der anderen Seite sind die Israelis nicht im Stande, einen General de Gaulle, der einen historischen Kompromiss mit den Palästinensern schließen könnte, zu stellen. Gewalt und Gegengewalt werden leider die Lage weiter beherrschen. Nicht einmal ein Gleichgewicht des Schreckens ist in Sicht.

ABDEL MOTTALEB EL HUSSEINI

Der Autor ist Journalist und lebt in der Eifel.

taz Nr. 6520 vom 11.8.2001, Seite 11, 56 Zeilen (Kommentar), ABDEL MOTTALEB EL HUSSEINI, Gastkommentar

(c) Dr. Abdel Mottaleb El Husseini