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Erwünschte Bürgerpflicht

Für den Kampf gegen Extremismus sind die Muslime in Deutschland und Europa nicht gut genug gerüstet. Die Liste der Gründe dafür ist lang - aber sie darf nicht abschrecken

Es scheint zum Ritual zu werden, nach jedem terroristischen Anschlag den gleichen Diskurs zu wiederholen und dieselben politischen Forderungen zu stellen. Erst bringen die Bomben der fanatischen Islamisten Unschuldigen den Tod, dann stehen die in Europa lebenden Muslime wieder unter Generalverdacht. Die Aufrufe der Politiker auf dem alten Kontinent, die Moscheen gründlicher zu kontrollieren, Hassprediger abzuschieben und vor allem die Antiterrorgesetze nochmals zu verschärfen, sollen die um ihre Sicherheit besorgten Bürger beruhigen.

Gleichzeitig wird der Druck auf die Anhänger des Islam europaweit erhöht. Es wird von ihnen gefordert, dass sie ihre Pflicht bei der Bekämpfung des Islamismus tun und sich zu den Grundwerten der westlichen Demokratie bekennen. Dabei wird einerseits jeder Zusammenhang zwischen Terrorismus und internationalen Krisenherden vehement bestritten. Andererseits werden die Motive der Bombenleger und Selbstmordattentäter hauptsächlich religiös erklärt. Die meistverbreitete These lautet: Die heiligen Krieger greifen den Westen nicht wegen seiner Politik an, sondern wegen seiner Lebensart und Werte.

Dass die bisherige Behandlung der terroristischen Plage weder politisch noch polizeilich zum gewünschten Erfolg geführt hat, zeigen die Terroranschläge in London. Deshalb ist eine Entideologisierung der Debatte über das Wesen des islamischen Terrorismus und über die Rolle der Muslime in Deutschland bei seiner Bekämpfung vonnöten. Denn der islamistische Terror ist vordergründig ein politisches und kein rein religiöses Phänomen. Dass er sich durch eine selektiv radikale Deutung des Islam legitimiert, ändert nichts daran.

"Die Ideologie des Bösen", wie Tony Blair den Islamismus zuletzt bezeichnete, ist nicht vom Himmel gefallen. Sie reflektiert eine Vielfalt von sozialen, politischen und moralischen Krisen der islamischen Welt sowie die Unfähigkeit ihrer Herrscher, sie zu lösen. Die Leugnung jeder Verbindung zwischen dem Islamismus und der US-Politik im Irak und im Nahen Osten trägt dazu bei, die Suche nach Problemlösungen zu verewigen und darüber hinaus faktisch den Islamisten Argumente über eine angebliche christlich-jüdische Verschwörung gegen den Islam zu liefern.

Solange das Gefühl der politischen Ohnmacht in der islamisch-arabischen Welt gegenüber dem Westen herrscht, wird der Islamismus wuchern. Der von den USA und ihren internationalen Verbündeten geführte Krieg im Irak hat eine beispiellose Inflation der terroristischen Gewalt zur Folge. Die Bilder der Selbstmordanschläge, der Misshandlung von Gefangenen, der Zerstörung, die von Irak tagtäglich um die Welt gehen, erleichtern den Islamisten die Rekrutierung neuer Terroristen.

Die Konflikte in der islamischen Welt sind bei den in der Diaspora, vor allem in der Europäischen Union lebenden islamischen Gemeinschaften von zentraler politischer Bedeutung. Dass der Islamismus versucht, Selbstmordattentäter und Bombenleger aus ihren Reihen zu rekrutieren, ist eine erwiesene Tatsache. Die islamischen Vereinigungen verhielten sich hilflos und fanden bisher keine adäquaten Antworten auf diese Gefahr aus den eigenen Reihen.

Ihre Haltung in dieser Frage konzentriert sich darauf, jede Verbindung zwischen Islam und Gewalt zu leugnen. Außerdem sind sie bemüht, das Bild ihrer Religion in der deutschen Öffentlichkeit zu verbessern. Eine Auseinandersetzung mit Gewalt und Terror findet in den Moscheen aber nicht statt. Die Bekenntnisse führender Vertreter des Islam in Deutschland zum Grundgesetz, zur freiheitlichen Ordnung und ihre Ablehnung der Gewalt sind Schritte in die richtige Richtung. Sie überschreiten jedoch nicht die moralische Ebene und bleiben in der Praxis meist wirkungslos.

Was eine effektive Rolle der islamischen Organisationen bei der Bekämpfung des Extremismus erschwert, ist die Tatsache , dass sie sich hauptsächlich mit religiösen Kulthandlungen beschäftigen. Auf ihrer Agenda stehen Fragen wie islamischer Religionsunterricht, das Kopftuch oder das Schächten an erster Stelle. Wichtige politische Grundsatzthemen, die für die Muslime von Interesse sind, wie der Nahostkonflikt oder die Irakkrise, werden in ihren Aktivitäten nicht berücksichtigt. Dadurch bieten sie ihren Anhängern nicht den Rahmen, sich zu artikulieren.

Diese apolitische Haltung schafft besonders unter der Jugend ein Vakuum, das von Radikalen ausgenutzt wird. Von den islamischen Organisationen zu verlangen, sich am Kampf gegen Extremismus und Terrorismus aktiv zu beteiligen, widerspricht keinesfalls dem Prinzip des Laizismus. Im Islam gibt es zudem weder einen Klerus noch eine Trennung zwischen irdischem und himmlischem Reich wie im Christentum. Die islamischen Verbände sind folglich keine heiligen Institutionen. Sie gestalten ihre Aktivitäten in Deutschland im Rahmen des Vereinsrechts und werden nicht vom Staat auf der gleichen Ebene wie die christlichen Kirchen behandelt.

Die islamischen Verbände waren weiterhin noch nicht imstande, sich von den religiösen Zentren und Autoritäten der islamischen Welt zu lösen. Die Doppelzüngigkeit vieler hochrangiger islamischer Persönlichkeiten in der Frage der strikten Ablehnung der Selbstmordanschläge auf Zivilisten ist Wasser auf die Mühlen der Radikalen. Man kann nicht selektiv die Terroranschläge in New York, Madrid oder London verurteilen und zugleich solche Verbrechen in Bagdad oder Tel Aviv gutheißen.

Die islamischen Organisationen in Deutschland verfügen zudem über keine demokratische Legitimation. Sie vertreten bestenfalls ihre Mitglieder und gelten zum größten Teil als traditionell und konservativ. Eine Verbindung zwischen ihnen und dem liberalen und weltlichen islamischen Spektrum, das nicht die Moscheen besucht, existiert nicht. Außerdem herrscht zwischen den beiden großen Dachorganisationen, dem Islamrat und dem Zentralrat der Muslime, ein Konkurrenzkampf. Diese Faktoren sorgen dafür, dass der Beitrag der Muslime in der Auseinandersetzung mit dem Islamismus sehr bescheiden bleibt.

Der islamische Extremismus gehört leider zur gesellschaftlichen Realität hierzulande. Aber die zahlreichen Terrorismusexperten sind noch immer weit von einem fundierten Wissen über dieses Phänomen entfernt. Indes darf die überwiegende Mehrheit der Muslime, die nichts mit den Terroristen zu tun hat, nicht für deren kriminelle Taten büßen. Die politische und gesellschaftliche Integration der Muslime ist angesichts der extremistischen Gefahr so aktuell wie noch nie. Die von Politikern eingeforderte Kooperation mit den Sicherheitsapparaten setzt die Loyalität der islamischen Bürger und das Vertrauen des Staates zu ihnen voraus. Nicht Spitzel werden gebraucht, sondern verantwortungsvolle Bürger, die mit Wissen und Engagement ihre gesellschaftliche Pflicht beim Kampf gegen Extremismus und Gewalt erfüllen.

(c) Abdel Mottaleb El-Husseini, veröffentlicht in der TAZ vom 25.7.2005