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DER BUNDESKANZLER LEHNT EINE KAMPFPAUSE IN AFGHANISTAN AB

Schröder und der islamische Kalender

Gerhard Schröder Kriegstreiberei vorzuwerfen, wäre nicht nur unberechtigt, es wäre falsch. Denn Deutschland ist am Krieg der USA und Englands gegen das Taliban-Regime nicht beteiligt. Außerdem kommt der Kanzler aus einer Partei, in der bisher bei internationalen Konflikten die politischen Mittel Vorrang hatten vor militärischen Einsätzen. Dennoch: Schröders demonstratives Eintreten beim Staatsbesuch in Pakistan für die Fortsetzung der Bombardierung von Afghanistan auch während des für die islamische Welt heiligen Fastenmonats Ramadan ist übereilt, unverhältnismäßig und politisch höchst unklug.

Noch 17 Tage trennen die gläubigen Muslime von der Fastenzeit. Eine Zeit, in der politisch wie militärisch noch einiges geschehen kann. Allein deshalb bleibt unerklärlich, warum sich Schröder auf die Fortsetzung der Kampfhandlungen über diese Frist hinaus festgelegt hat. Selbst die US-Regierung hat sich nicht so eindeutig geäußert. Vorauseilender Gehorsam des bündnistreuen deutschen Kanzlers? Übereilte Festlegung mit Adresse an die Kritiker des Krieges in der eigenen Koalition? Faktisch war sie fehl am Platz.

Schröders Forderung, den Krieg pausenlos fortzusetzen, ist unverhältnismäßig. Man muss nur die bisherigen Ergebnisse der Kampfhandlungen in Betracht ziehen. Das angloamerikanische Bombardement hat das Taliban-Regime militärisch und politisch eher gestärkt als geschwächt. Eine Auslieferung oder Liquidierung des Topterroristen Bin Laden lässt auf sich warten. Und die Mullahs in Kabul können sich über die zunehmenden Blindgänger, die die Zahl der Toten und Verwundeten unter der Bevölkerung alltäglich nach oben treiben, eigentlich nur freuen. Der Hass gegen die Amerikaner wächst in der islamischen Welt. Die Verbündeten der USA unter den islamischen Staaten sorgen sich um ihre Macht. Sie fordern deshalb wenigstens die Aussetzung der Bombardierungen während der Fastenzeit.

Schröders Ablehnung einer Kampfpause wird in weiten Teilen der islamischen Welt als Provokation wahrgenommen. Das ist Wasser auf die Mühlen der Fanatiker. Man kann ja nicht gegen den Krieg der Kulturen und Religionen sein und gleichzeitig die religiösen Gefühle der Völker, und sei es auch nur unwissentlich, verletzen.

Der Kampf gegen den islamistischen Terrorismus wird sich wohl eher in den Köpfen als auf den Schlachtfeldern entscheiden. Daher wäre es empfehlenswert, wenn westliche Politiker einen Blick in den islamischen Kalender werfen würden, bevor sie zu ihren politischen Terminen in der islamischen Welt eilen. Dies wäre ein guter Anfang.

ABDEL MOTTALEB EL HUSSEINI

taz Nr. 6587 vom 30.10.2001, Seite 12, 58 Zeilen (Kommentar), ABDEL MOTTALEB EL HUSSEINI

(c) Dr. Abdel Mottaleb El Husseini